Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Ich bin nicht dafür da, die Bauern zu belügen"

Mit ihrer Äußerung, Grund für die Pandemie sei die Art und Weise, mit der die Landwirtschaft betrieben werde, hat Renate Künast viele Bauern verärgert. Gegenüber OM online verteidigt sie ihre Kritik.

Artikel teilen:
Eckt an: Renate Künast möchte die Landwirtschaft verändern. Foto: dpa

Eckt an: Renate Künast möchte die Landwirtschaft verändern. Foto: dpa

Haben Sie in den vergangenen Tagen Post von Landwirten erhalten?

Ich erhalte jeden Tag zahlreiche Zuschriften, auch zu dieser Rede kamen Kritik und Unterstützung. Interessanterweise gab es während der Rede im Bundestag und auch am Tag danach nur wenige Reaktionen. Im Bundestagsplenum selbst störte sich niemand an meiner Rede, auch die Kollegen der CDU/CSU nicht. Frau Connemann und Frau Klöckner sprangen auf den Zug auf, als aus dem Kreis ‚Land schafft Verbindung‘ aggressiv reagiert wurde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Sie führen Pandemien wie Corona auf die Art und Weise zurück, mit der heute Landwirtschaft betrieben wird. Der Ursprung von SARS-CoV-2 steht bislang nicht fest. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zur Entstehung von Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übergehen, belegen. Es ist bekannt, dass etwa für die Produktion von Palmöl in Südostasien oder Rindfleisch in Südamerika Urwälder abgeholzt werden. Dadurch verlieren Tiere ihren Lebensraum. Arten wie etwa Fledermäuse sterben dann aber nicht sofort, sondern sie suchen sich neuen Lebensraum. Und so kommen sie immer näher an menschliche Siedlungen, werden dort gejagt oder kommen zum Beispiel mit anderen Nutztieren in Kontakt. So werden Viren, mit denen die Tiere gut leben können, die aber für das menschliche Immunsystem neu sind, weiter übertragen. Kurz gefasst: Je weiter wir in unberührte Natur vordringen, desto eher kommen wir mit Krankheiten in Kontakt, auf die unser Immunsystem absolut nicht vorbereitet ist. Und ein wichtiger Treiber für diese Entwicklung ist unser Ernährungssystem, unser Hunger nach billigem Fleisch und die Nutzung von Palmöl.

Gerade junge Landwirte verfolgen die politischen Entwicklungen sehr genau und reagieren zunehmend empfindlich, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Können Sie verstehen, dass das auch in diesem Fall so ist?

Der Umgangston ist, wie ich an den Reaktionen auf meine Rede wieder feststellen konnte, gerade im Netz rauer geworden. Ich kritisiere ja aber nicht den einzelnen Landwirt, sondern das dahinter stehende industrielle Agrar- und Ernährungssystem, das sehr komplex ist, und etwa die Einfuhr von billigem Soja, Handelsabkommen wie Mercosur und die Marktmacht weniger Konzerne umfasst. Die übrigens haben sich ganz still weggeduckt.

Zum Thema Bauernbashing: Gibt es das überhaupt oder stellen sich die Landwirte im politischen Diskurs nur zimperlich an?

Ich glaube nicht, dass sich Bäuerinnen und Bauern zimperlich anstellen. Gerne wird ein Konflikt zwischen Stadt und Land, Bäuerinnen und Verbraucherinnen herbeidiskutiert. Das ist doch aber ein taktisches Ablenkungsmanöver. Ich erlebe ein wachsendes Interesse an der Landwirtschaft, darunter sind sicher auch mal scharfe Töne, aber es überwiegt doch ganz klar der Wille zum Erhalt der bäuerlichen Betriebe. Das geht aber nicht im „Weiter so“, sondern dafür braucht es endlich eine Neuausrichtung der Finanzmittel, die immer noch mehrheitlich zu den Großbetrieben fließen. Und eine grundsätzliche Transformation unseres Ernährungssystems, wir müssen die Produktion und den Konsum stärker zusammen denken, etwa indem in Kantinen von Schulen, Kitas und Krankenhäusern stärker auf regionale Lebensmittel aus bäuerlichen Betrieben gesetzt wird.

Zwischen Landwirten und Grünen herrscht fast schon Krieg. Im Landkreis Cloppenburg haben die Grünen zuletzt versucht, die Fronten aufzubrechen. Treten Bundespolitikerinnen mit ihren Äußerungen dieses zarte Pflänzchen mutwillig kaputt?

Ich verstehe ihre Fragestellung nicht und auch Sie könnten – um im Duktus zu bleiben – verbal abrüsten! Ich will, dass es auch in dreißig Jahren noch Bauernfamilien gibt. Daher halte ich nichts von Versprechen, die andere gerne machen, die sie am Ende aber nie einhalten. Politik darf sich doch nicht auf das Verwalten beschränken, denn dann folgen Gerichtsurteile und auf einmal muss es ganz schnell gehen, dann kommen gerade kleinere Betriebe unter die Räder. Ich bin nicht dafür da, Bauern zu belügen. Ich will mit ihnen eine auskömmliche Zukunft organisieren.

Wer muss den größeren Schritt machen, damit im nächsten Bundeskabinett ein grüner Landwirtschaftsminister auch von den Landwirten akzeptiert wird?

Wer das Amt inne hat, entscheiden die Wähler und Wählerinnen und eine nachfolgende Koalitionsvereinbarung. Und das ist auch gut so. Wir haben in den Ländern gerade viele Grüne Agrar-Ministerinnen, die alle einen guten Job machen. Sie alle geben einen klaren Kurs vor, an dem man sich öffentlich reiben kann, den man diskutieren kann. Die Politik der Bundesregierung besteht seit einigen Jahren darin, genau das Gegenteil zu machen. So verspielt man Akzeptanz und Vertrauen in die Politik. Und auch die Zukunft der bäuerlichen Betriebe.

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Ich bin nicht dafür da, die Bauern zu belügen" - OM online