Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Huhu Harald Martenstein,

Kolumne: Für eine Reportage für das ZEIT Magazin hat Autor Harald Martenstein das Experiment "Studium reloaded" gewagt und ist an die Uni Freiburg zurückgekehrt. Aus einem Semester wurden zwei Wochen.

Artikel teilen:

Okay, dass die Jugend von heute dumm, faul und gefräßig ist, hat ihr schon Sokrates vor 2500 Jahren attestiert. Sie hingegen behaupten nun, heute wäre sie eher zu fleißig und zu öde, was nicht so recht zum traditionellen Klagelied passen möchte, das die Alten normalerweise über die Jungen anstimmen.

Zu diesem Schluss kamen Sie jedoch, nachdem Sie im letzten Jahr wieder die Schulbank drückten. Genauer gesagt, den Stuhl im Hörsaal der Universität Freiburg, wo Sie bereits in den 1970er Jahren Germanistik und Romanistik studierten. Im Rahmen einer Reportage für das ZEIT Magazin hatten Sie sich dort wieder eingeschrieben und fragten sich vorab gespannt: "Wie die Studentenkneipen wohl heute aussehen? Worüber würde ich wohl bis zum frühen Morgen mit den Kommilitonen diskutieren? und: Wie ist es, wieder ganz frei zu sein und sich treiben zu lassen?“

Studierende von heute sind pandemiemüde Spaßbremsen

Leider wurden Sie jedoch enttäuscht. Denn wie sich recht schnell herausstellte, handelte es sich bei der studierenden Jugend von heute um einen Haufen pandemiemüder Spaßbremsen, die statt Kneipe und Revolution lediglich das Lernen für Klausuren und die Abarbeitung ihrer Leselisten im Kopf hatte. Allerdings fanden Sie auch bereits am ersten Tag heraus, dass man heutzutage mündliche und/oder schriftliche Prüfungen ablegen muss, damit man seine Vorlesungen anerkannt bekommt. Und zwar im Gegensatz zu damals, wo man Ihnen laut eigenen Angaben noch die "Scheine hinterhergeworfen" habe.

Außerdem verkündeten Sie nicht ohne Stolz, dass Sie selbst noch alle Vorlesungen Ihrer "14 Semester an drei verschiedenen Unis" nicht aus Vernunft, sondern ausschließlich "nach dem Lustprinzip" auswählten. Doch darauf angesprochen konterten die Jungen mit "Man versackt heute während des Studiums nicht mehr so leicht" und setzten mit "Leistungsdruck diszipliniert" in Ihren Augen offenbar dem Ganzen die Krone auf.

"Da wunderte es am Ende nicht, dass die jungen Leute sich offenbar schwer taten, mit dem edel-ergrauten Seniorstudenten warm zu werden."Andrea Harmonika, Kolumnistin

Da wunderte es am Ende nicht, dass die jungen Leute sich offenbar schwer taten, mit dem edel-ergrauten Seniorstudenten warm zu werden. "In jeder Vorstellungsrunde sage ich, dass ich vielleicht eine Reportage für das ZEIT Magazin schreibe", nörgeln Sie sich durch Ihren Bericht. "Aber die Reaktion ist immer die gleiche – freundliches Desinteresse." Jede Einladung Ihrerseits zu Kaffee und intellektuellem Austausch wurde von den Mitstudierenden stets mit "Sehr gerne, aber ich muss weiter" quittiert. So brachen Sie dann das Experiment "Studium reloaded" vorzeitig ab und aus einem ganzen Semester wurden lediglich 2 Wochen, die Sie sich durch Ihre alte Alma Mater gefeuerzangenbowled haben.

Ihr Fazit: Die Jugend von heute ist zu blass und verklemmt, zu unpolitisch und korrekt. Unser Fazit: Sie macht vermutlich einfach nur einen großen Bogen um alte Leute, die ganz besoffen von sich und ihrem eigenen Nonkonformismus sind.


Zur Person:

  • Andrea Harmonika ist freie Autorin und veröffentlicht unter anderem auf der Website www.andrea-harmonika.de.
  • Die Autorin lebt in Damme.
  • Sie erreichen die Kolumnistin per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Huhu Harald Martenstein, - OM online