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Hausfriedensbruch

Kolumne: Auf ein Wort - In einem großen Haus mit mehreren Wohnungen braucht es ein gutes Miteinander. Sonst ist der Frieden gestört.

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Ein Haus ist gebaut, ein großes Haus. 46 Wohnungen auf zehn Etagen. Eigentlich groß genug für alle. Doch dann zeigt sich ein gewisses Ungleichgewicht.

Die beiden oberen Etagen mit Dachterrassen und einem wunderbaren Blick in die Ferne. Das hat schon was. Die beiden unteren Etagen werden irgendwie abgehängt. Das riecht nach Schwierigkeiten und die treten ein.

Als die oberen Etagen ihre Pizzakartons nicht mehr in die dafür vorgesehenen Behälter bringen, das ist ihnen zu mühsam und zu weit, stellen sie die Kartons im Flur des Erdgeschosses ab. Gefragt: Warum? Antwort: Wir wollen denen da unten etwas Gutes tun. Die können alles zum Altpapierhändler bringen und bekommen sogar noch Geld dafür. Nun ja, bei einer solchen Argumentation bleibt einem die Spucke weg.

„Die oben rümpfen die Nase, es stinkt inzwischen gewaltig, wenn man das Haus betritt.“Jörg Schlüter, Geistlicher

Man hört die Nachrichten im Hause, oben und unten, es sind die gleichen Nachrichten, nur die Folgen sind sehr unterschiedlich. Flüchtlinge kommen. „Warum bleiben die nicht einfach in ihren Herkunftsländern?“, fragen die unten und oben. Das muss wissenschaftlich untersucht werden.

Natürlich ist es denen nicht zuzumuten, neun oder zehn Stockwerke hochzuklettern – Originalton der beiden oberen Etagen. Es wird dafür gesorgt, dass sie unten in die Wohnungen gepfercht werden, damit die oben ihre Ruhe haben. Manche müssen auf dem Fußboden schlafen. Als die Räume überbelegt sind, wird auf die Terrasse ausgewichen. Im Sommer sehr heiß, im Winter lausig kalt. Irgendwann wird es denen auf der Terrasse zu kalt. Wozu brauchen die Zimmer Türen? Ausgehängt und Kleinholz draus gemacht.

Die Katastrophe naht

Siehste, haben wir doch gleich gesagt, meinen die von oben, die können sich nicht benehmen. Einmal Lagerfeuer, immer Lagerfeuer. Die oben rümpfen die Nase, es stinkt inzwischen gewaltig, wenn man das Haus betritt.

Etage 9 und 10 treffen sich zu einer internen Konferenz und sie kommen zu dem Schluss, dass sie einen Außenfahrstuhl am Haus anbringen müssen, damit man nicht mehr unten durch den Eingangsflur gehen muss und ohne üble Gerüche nach oben kommt. Antrag auf Finanzierung durch die EU, natürlich.

Die Katastrophe naht. In den Wohnungen der beiden unteren Etagen geht es drunter und drüber, die ersten Leichen. Da packt einen von oben das Mitleid. Er greift in seine Schatulle und bringt denen unten Geld, den „Oberhäuptern“. Kein Riesenbetrag, aber immerhin so viel, dass man im Garten zwei Gartenhäuser bauen könnte. Die unten bedanken sich artig, ja, eine prima Lösung! Aber es ändert sich nichts. Warum wird im Garten nicht gebaut? Merkwürdig, zwei von denen haben ein neues Auto. Der Rest leidet und stirbt weiter.

Europa besteht aus 46 Staaten und exterritorialen Gebieten (ohne Russland, mit der Türkei), Bosnien-Herzegowina ist einer davon. Was sich dort in sogenannten Flüchtlingslagern abspielt, ist ein perverses Spiel, an dem alle irgendwie beteiligt sind. Ich auch, weil ich nicht mehr getan habe, als meinen Namen unter eine Petition zu setzen.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.

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