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Hauptsache immer dagegen

Thema: Griechenland und der Frust der Rechten – Seit ihrer Gründung agiert die AfD als Angstmacherin. Dabei wäre konstruktive Politik so belebend – erscheint in diesem Fall aber utopisch.

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Für die AfD war der Untergang Deutschlands eine ausgemachte Sache, als zwischen 2010 und 2015 die Hilfspakete für Griechenland beschlossen wurden. Der Kampf dagegen war sogar ihr Gründungsmotiv. Athen werde die vielen Milliarden niemals zurückzahlen können; die Kredite würden letztlich an den Bundesbürgern hängen bleiben und ihren Wohlstand fressen, so die Behauptung. Griechenland raus aus dem Euro, lautete die Forderung.

7 Jahre nach Verabschiedung der letzten Rettungspakete wurde Griechenland vor kurzem aus der verschärften Überwachung seines Haushalts durch Brüssel entlassen. Mit anderen Worten: Das Land steht wieder auf eigenen Füßen. Es hat zwar immer noch viele Schulden, diese aber im Griff. Auch wegen der Reformen, die die EU erzwang. Das ist eine der wenigen guten Nachrichten des Jahres 2022, und sie straft alle Schwarzseher Lügen. Nicht auszudenken, wenn erst Griechenland und danach wohl auch Italien, Spanien und Portugal damals aus dem Euro geflogen wären.

"Vielleicht sollte die AfD es einfach mal mit konstruktiver Politik versuchen. So etwas gehört freilich nicht zu ihren Gründungsmotiven."Werner Kolhoff

Die EU wäre heute als handlungsfähige Gemeinschaft mausetot. In der Ägäis hätte Erdogan freie Bahn, auf dem Balkan die Chinesen und in Osteuropa Putin. Angela Merkel hatte Recht: Es hat sich gelohnt, Europa zusammenzuhalten. Das ist die zentrale Lehre aus jener Zeit. Nun löst sich eine Partei wie die AfD nicht einfach auf, bloß weil sich ihr einstiges Hauptthema erledigt hat. Denn so eine neue Partei hat bald einen Apparat und Mandate, und das alles will gesichert sein. Also ersinnt sie neue Kampagnen. Hauptsache dagegen. Als erstes fanden die Rechten die Flüchtlinge und behaupteten, Deutschland schaffe sich ab, wenn es so viele Ausländer ins Land lasse.

Nun, das ist nicht passiert, selbst wenn es unzweifelhaft Probleme gab und gibt. Auch die angebliche „Corona-Diktatur“ hat das Land überstanden, und zwar besser als viele andere Staaten. Es war wohl nicht alles falsch, was Bund und Länder beschlossen haben. Aktuell prognostizieren Weidel, Chrupalla und Co. den Zusammenbruch der Stromversorgung und Massenarmut wegen der Russland-Sanktionen und rufen zum „Wut-Winter“ auf. Doch es sieht schon wieder nicht gut aus für die Angstmacher. Vielleicht sollte die AfD es einfach mal mit konstruktiver Politik versuchen. So etwas gehört freilich nicht zu ihren Gründungsmotiven.


Zur Person: 

  • Der Lohner Werner Kolhoff, 66, hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet, war Sprecher des Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in Berlin als politischer Kolumnist tätig.

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