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Habermas, Ratzinger, Glaube und Vernunft

Ein Rückzug auf bloße Vernunft bedeutet einen Verlust an humanitärer Lebensqualität. Oder anders ausgedrückt: Es ist gut, dass wieder Gottesdienste gefeiert werden können.

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Gottesdienste sind wieder möglich. Auch in Norddeutschland. Das ist keine Kleinigkeit. Gottesdienste sind konstitutiv für die christliche Religion. Ganz allgemein: Rituale waren für den Menschen immer schon unverzichtbarer Bestandteil des Lebens. Ein Rückzug auf bloße Vernunft bedeutet einen Verlust an humanitärer Lebensqualität. Die schwierige Aufgabe dabei ist zu verhindern, dass aus Ritual Routine wird. Dass der Gottesdienst seine ureigene Bedeutung behauptet, davon ist auch der neben Joseph Ratzinger gewiss bedeutendste lebende deutsche Philosoph, Jürgen Habermas, überzeugt. Der 90-jährige Denker hat sich als säkularer Philosoph jahrzehntelang gegen jeglichen religiösen Anspruch gewehrt.

Nun nicht mehr.

In seinem vor einem halben Jahr erschienenen grandiosen Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ warnt er vor der Verabschiedung des Sakraments. Warum? Weil der „rituelle Kern des Gottesdienstes“ für das Überleben der Religion „eine wichtige, wenn nicht ausschlaggebende Rolle“ spiele. Denn, so der alte Mann aus Starnberg, mit dem Verschwinden dieses Ritus könnte eine unersetzbare Quelle von Solidarität in der Gesellschaft versiegen.

Freilich: Ein großer Stilist ist Jürgen Habermas nicht. Da steht er nicht alleine unter den Großen seiner Zunft. Bestes, also schlechtestes Beispiel des Missverhältnisses von Bedeutung und Ausdruckskraft ist der wohl größte Denker des Abendlandes, Immanuel Kant. Auch Georg Friedrich Hegel und – in einigen Texten – Karl Marx sind für den Leser wahrlich trocken Brot. Hart zu kauen, schwer zu verdauen. Immerhin, Habermas hat sich, gemessen an seinen vor Jahrzehnten publizierten Werken, stilistisch deutlich verfeinert.

Die letzten Sätze seines 1725 Seiten dicken Vermächtnisses lauten: „Die säkulare Moderne hat sich aus guten Gründen vom Transzendenten abgewendet, aber die Vernunft würde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verkümmern.“ Daher sei es wichtig, dass sich die religiöse Erfahrung auch künftig auf diese rituelle „Praxis der Vergegenwärtigung einer starken Transzendenz stützen kann“.

Was für eine Volte. Etwas salopp formuliert: Vernunft und Glaube bilden keine Einheit, aber wer das Eine auf Kosten des Anderen absolut setzt, der ist, mag er ein noch so brillanter Denker sein, ein Ignorant. Man muss versuchen, es zusammen zu denken.

Im Übrigen sollte man den emeritierten Papst vor seinen erzreaktionären Anhängern in Schutz nehmen. Dieser große Theologe hat schon 1968 folgenden bemerkenswerten Gedanken veröffentlicht: „Der Gläubige wie der Ungläubige haben, jeder auf seine Weise, am Zweifel und am Glauben Anteil, wenn sie sie sich vor sich selbst verbergen und vor der Wahrheit ihres Seins.“ Darum geht es: Glauben, Zweifel, Vernunft. Und unseren armen Nachbarn auch.

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