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Gorbatschows Vermächtnis in Trümmern

Thema: Gorbatschows Tod – Ohne ihn wäre die Deutsche Einheit nicht möglich gewesen. Traurig, dass von den demokratischen Reformen in seinem eigenen Land nicht mehr viel übrig ist.

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Der Tod von Michail Gorbatschow fällt in eine Zeit, in der sein politisches Vermächtnis in Trümmern liegt. So ähnlich hat es auch Bundeskanzler Olaf Scholz am Mittwoch treffend formuliert. Der Eiserne Vorhang scheint wieder geschlossen zu sein, nur dieses Mal weiter im Osten als zu der Zeit, als Gorbatschow die Führung der Sowjetunion übernommen hat. Anstatt eines Kalten Krieges damals, ist der Krieg, in den auch Europa verwickelt ist, ein heißer. Von der einstigen Entspannungspolitik der späten 1980er- und 1990er-Jahre ist nicht viel geblieben.

Auch um Russland ist es nicht viel besser bestellt als in der Zeit des Kalten Krieges. Früher regierte die Kommunistische Partei mit eiserner Hand und rigiden Geheimdienstmethoden. Heute, nach zaghaften Versuchen eine Demokratie zu etablieren, was in erster Linie am korrupten Establishment und den mächtigen Oligarchen gescheitert ist, diktiert Putin die Politik. Ironie der Geschichte: Er entstammt dem Geheimdienst der Sowjetunion. Wollten die Kommunisten damals die Revolution in die Welt tragen, will Putins Partei „Geeintes Russland“ heute den russischen Nationalismus in der einstigen Sowjetunion mit Waffengewalt durchsetzen. Im Ergebnis sind sich beide Diktaturen ähnlicher, als Putin das wahrhaben möchte.

Ära Gorbatschow war nicht das Ende der Geschichte

Als 1989/90 der Eiserne Vorhang fiel, Deutschland glückselig wiedervereint war und die Welt keinen Atomkrieg mehr fürchten musste, sprachen Historiker vom Ende der Geschichte. Wie naiv und voreilig klingt das aus heutiger Zeit. Die Ära Gorbatschow war nicht das Ende der Geschichte. Sie war nur ein Zwischenstopp – wenn auch ein äußerst wichtiger.

„Gorbi“ hatte erkannt, dass mit den Betonköpfen in der Führung der Sowjetunion kein Staat mehr zu machen ist. Er entschloss sich mutig zu Reformen. Damit brachte er – wohl eher unfreiwillig – im gesamten Ostblock Menschen dazu, über die Betonköpfe in ihren Ländern nachzudenken und gegen sie aufzubegehren.

Sein Verdienst ist es, dass die in der DDR stationierten sowjetischen Panzer in den Kasernen blieben, als Hunderttausende für ihre Freiheit auf die Straße gingen. Er stimmte der Wiedervereinigung zu und sogar dem Nato-Beitritt des geeinten Deutschlands. Auch wenn sich die Regierung Kohl diese Zustimmung bei der Sowjetunion erkauft hatte, schmälert das nicht Gorbatschows Verdienst.

Er verlieh der Sowjetunion ein menschliches Antlitz

Er wollte nicht mehr – wie seine Vorgänger – Politik gegen die Menschen machen. Er verlieh der Sowjetunion ein menschliches Antlitz. Ohne „Gorbi“ hätte die Wiedervereinigung noch lange auf sich warten lassen. Es gehört zur Tragik des Michail Gorbatschow', dass ihm die Anerkennung und der Respekt im eigenen Land immer verwehrt geblieben sind. Sicher hat er Fehler begangen. Den Bankrott und den Zerfall der Sowjetunion hat er freilich nicht verursacht – beides haben vor allem seine Vorgänger zu verantworten. Seine Reformen kamen zu spät.

Michail Gorbatschow war einer der mutigsten und klügsten Politiker des 20. Jahrhunderts. Wie sehr wünschten wir uns in diesen Tagen einen wie ihn im Kreml.

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