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#Globukalypse – Die Homöopathie schlägt zurück

Kolumne: Irgendwas mit # – Alternative Heilverfahren sind in deutschsprachigen Ländern überaus beliebt. Unsere Toleranz für diese Pseudowissenschaften rächt sich nun.

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Nur die alleraufmerksamste Leserin wird noch wissen, dass sich meine erste Kolumne mit dem Thema Homöopathie beschäftigte. Das war vor recht genau zwei Jahren – also ein paar Monate vor Beginn der Corona-Pandemie. Ich ließ mich über die Herstellung von Globuli aus, wies darauf hin, dass sie über den Placebo-Effekt hinaus nicht wirken und, dass sie bitteschön keine Kassenleistung mehr sein sollten – trotz ihrer verstörenden Beliebtheit in Deutschland.

Warum ich das jetzt wieder herauskrame? Damit ich sagen kann: Das haben wir jetzt davon, dass wir in Deutschland jahrzehntelang so getan haben, als sei Homöopathie Medizin – und darüber hinaus so großzügig Wissenschaftsleugnung toleriert haben. Denn Anhängerinnen und Anhänger der sogenannten Alternativmedizin und der Anthroposophie bilden quasi den Nährboden der Querdenker-Bewegung, die im Südwesten (Stuttgart) Deutschlands ihren Anfang nahm. Zu diesem Schluss kommen Soziologinnen und Soziologen der Universität Basel in einer kürzlich veröffentlichten Studie.

Oliver Nachtwey, mitverantwortlich für die Studie, gibt zwar zu, dass sie nicht repräsentativ ist – man hat bei der Befragung nur die vergleichsweise Vernünftigen dazu bewegen können, Antworten zu geben –, aber sie liefert nichtsdestoweniger interessante Einblicke in einen Teil der Querdenker-Szene. So haben etwa 30 Prozent der Befragten früher mal die Grünen gewählt. Das wird mit dem anthroposophischen Milieu erklärt, das bei den damaligen Grünen eine weitaus größere Rolle spielte. Die Grünen ringen bis heute beispielsweise mit ihrer Haltung zur Homöopathie – man möchte vermutlich keine tradierte Wählerklientel verschrecken. Das haben sie aber zum Teil längst verloren, wie die Studie erkennen lässt. Querdenkerinnen und Querdenker, die früher noch Grün wählten, wählen entweder gar nicht mehr oder die AfD. 

"Man darf bei all der medialen Präsenz der Impfverweigerinnen und -verweigerer nicht vergessen: Die Mehrheit der Bevölkerung handelt solidarisch und rational."Carina Meyer, Reporterin

Natürlich, nicht alle Personen, die alternativmedizinisch unterwegs sind, sind automatisch Teil der Querdenker-Bewegung. Ein großes Problem stellen aber derzeit die zahlreichen Impfverweigerinnen und -verweigerer dar – Querdenker-Szene hin oder her – und die haben schlicht ein fragwürdiges Verhältnis zu medizinischen Fakten. Eine Studie des "Regensburg Center of Health Sciences and Technology" weist eine Korrelation zwischen Homöopathie und Impfbereitschaft nach. Je mehr Vertrauen die Befragten in Alternativmedizin angaben, desto niedriger war ihr Vertrauen in Impfungen.

Zu beobachten ist der daraus resultierende Effekt in einigen Landkreisen Bayerns mit hoher Dichte an Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern. Nehmen wir den Landkreis Rosenheim, der seit geraumer Zeit mit seiner 7-Tage-Inzidenz deutschlandweit unter den Top 10 rangiert. Die Impfquote liegt dort nach Angaben des Bayerischen Rundfunks aktuell bei 58 Prozent. Eine kurze Suche mit dem Stichwort Heilpraktiker für den Raum Rosenheim beim Mediziner-Suchportal Jameda ergibt 121 Treffer. Zum Vergleich: Für den Raum Holzminden – der Landkreis ist eines der Schlusslichter bei den Inzidenzen – ergeben sich 8 Treffer.

In einer jüngeren Kolumne bin ich auf die Tradition der Impfgegnerschaft hierzulande eingegangen. Schon die Pocken-Impfpflicht brachte im 19. Jahrhundert kuriose Bewegungen hervor. Eine ablehnende Haltung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen im Gesundheitsbereich ist in deutschsprachigen Ländern derart kultiviert, dass die geringe Impfquote in Deutschland, Österreich und der Schweiz der Financial Times kürzlich ein großer Artikel wert war. Internationale Verwunderung über die sonst so Vernünftigen in der Mitte Europas. Keine Sorge, der Großteil von uns Deutschsprechenden ist genauso irritiert. Denn man darf bei all der medialen Präsenz der Impfverweigerinnen und -verweigerer nicht vergessen: Die Mehrheit der Bevölkerung handelt solidarisch und rational.

Mir ist klar, dass die Ursache der niedrigen Impfquote nicht ausschließlich bei Esoterik-Fans zu suchen ist. Aber dass es Menschen gibt, die den Kampf gegen eine Pandemie erschweren, weil sie an medizinischen Unfug glauben und wissenschaftliche Fakten anzweifeln, ist langfristig gesehen vermeidbar. Homöopathie und anderen esoterischen Auswüchsen muss entschiedener entgegengetreten werden. Es bedarf deutlich besserer Aufklärung und das allgemeine Bewusstsein dafür, dass Alternativmedizin seine Grenzen beim Placebo-Effekt erreicht. Zwar sollte jede Person weiterhin im Zweifel Zuckerkugeln einwerfen dürfen, wenn sie das möchte – doch der Rahmen dafür muss künftig eindeutig anders aussehen.


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