Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Gesellschaft muss die Streitkultur neu entdecken

In einem freiheitlichen Staat gehört das Ringen um den richtigen Weg zu den Grundfesten dazu. Doch seit einiger Zeit hat sich das geändert.

Artikel teilen:

Der Ton in der Gesellschaft wird nicht nur immer rauer, er wird bedenklich hasserfüllter. Der Respekt vor Mitmenschen nimmt mehr und mehr ab. Die Hemmschwellen bei Verunglimpfungen werden immer niedriger, für manchen scheinen sie gar nicht mehr zu existieren. Da wird unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit Unsägliches geäußert, da werden Menschen in Ecken gedrängt, aus denen es schwer fällt, wieder herauszukommen. Da bedrohen Shit-Storms in den Sozialen Medien Existenzen, nur weil jemand etwas gesagt hat, was einem anderen nicht gefällt und der umgehend Massen Gleichgesinnter mobilisiert.

Natürlich, das Internet und die Anonymität, die es den Nutzern vermeintlich oder tatsächlich bietet, ist ein Grund für diese höchst bedenkliche Entwicklung. Wer andere wüst beschimpfen kann, ohne dafür mit seinem wahren Namen gerade stehen zu müssen, lässt Hasstiraden schneller los. Doch die gravierenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nur auf das Internet zu schieben, wäre zu einfach. Denn Ursachen gibt es mehrere. Vielleicht die wichtigste: Viele Menschen haben es verlernt zu streiten. Natürlich nicht mit Gewalt, sondern nach festen Regeln mit Worten. In besseren Zeiten wurde mal der Begriff „Streitkultur“ geprägt. Er bedeutet, den eigenen Standpunkt mit Worten zu vertreten, ohne dem Gegenüber abzusprechen, dass er einen abweichenden Standpunkt besitzen darf. Und noch etwas Essenzielles beinhaltet das Wort: Dass dieser Streit im Grundsatz etwas Gutes ist, dass er eine Gesellschaft voranbringen kann, weil sie um Positionen ringt, weil sie Dinge in Frage stellt und prüft, ob Alternativen vielleicht der bessere Weg sein könnten.

"Denn Freiheit, so sagte es der Schriftsteller George Orwell, ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen."Klaus-Peter Lammert

Wer aber in diesem Streit an sich, in unterschiedlichen Meinungen etwas per se Schlechtes sieht, wer sich anderen Argumenten als den eigenen versperrt und den Andersdenkenden von vorherein in eine bestimmte Ecke stellt – sehr beliebt ist derzeit in manchen Kreisen die Nazi-Ecke – oder ihnen vorwirft, die Gesellschaft zu spalten, der ist tatsächlich derjenige, der zum Spalter wird und der totalitär handelt. Getreu dem Motto „Bist Du nicht für mich, dann bist Du gegen mich“. So einfach funktionieren Entscheidungsprozesse, funktioniert ein Staatswesen allerdings nur in einer Diktatur. In einer Demokratie aber eben nicht.

In einer Demokratie müssen die Bürger auch die ihrer eigenen widerstrebenden Meinungen aushalten. Das hat in Deutschland nach dem Ende des 2. Weltkrieges viele Jahrzehnte funktioniert. Doch seit einiger Zeit hat sich das geändert. Und das rüttelt an den Grundfesten des Landes. Es kann und darf nicht sein, dass Minderheiten meinen, die absolute Wahrheit zu besitzen und anordnen zu können, der Rest der Bürger müsse sich ohne jede Debatte ihren ultimativen Forderungen anschließen. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um Organisationen auf dem linken oder rechten politischen Spektrum handelt, ob es Vereine und Verbände oder gesellschaftliche Gruppen sind. Denn vor all jenen darf eine Gesellschaft, die Freiheit will, nicht kapitulieren. Hier gilt der alte Spontispruch „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt“. Denn Freiheit, so sagte es der Schriftsteller George Orwell, ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.

So verpassen sie nichts mehr. Mit unseren kostenlosen Newslettern informieren wir Sie über das Wichtigste aus dem Oldenburger Münsterland. Jetzt einfach für einen Newsletter anmelden!

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Gesellschaft muss die Streitkultur neu entdecken - OM online