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#GegendasVergessen - Fragen, die bleiben ...

Kolumne: Irgendwas mit # -  Hatte sie blonde oder braune Haare? War sie hübsch? War sie vielleicht sogar in jemanden verliebt? Das werde ich wohl nie erfahren ...

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Es sind Fragen, die mir wahrscheinlich niemals jemand beantworten kann: Hatte sie blonde oder braune Haare? Mochte sie - so wie ich - die Musik oder hatte sie doch ganz andere Hobbys? Konnte sie mit ihrem Lächeln die Menschen, die ihr wichtig waren, verzaubern und aufmuntern – etwa ihre Eltern und Geschwister? War sie groß und kräftig oder eher klein und zierlich? Welche Farbe hatten ihre Augen? War sie hübsch? War sie vielleicht sogar in jemanden verliebt?

21 Jahre. Gerade einmal 21 Jahre war sie alt und damit nur zwei Jahre jünger als ich. Erna Marx wurde 1920 geboren. 1941 wurde die junge Frau aus Vechta von deutschen Nazis abgeholt und deportiert. Ziel und Konzentrationslager unbekannt.

Gestorben … nein! Kaltblütig ermordet wurde Erna Marx später in Minsk. Dass ich heute überhaupt ihren Namen kenne, verdanke ich fünf im März 2011 verlegten Stolpersteinen in der Juttastraße in Vechta. Weitere liegen übrigens jeden Tag aufs Neue an der Großen Straße, der Füchteler Straße und Klingenhagen jedem Passanten zu Füßen - oft bleiben sie unbeachtet.

Das Schicksal von Erna Marx ist eines von vielen. Der Name ist immer austauschbar. Die Nazis haben mit dem Holocaust mehr als sechs Millionen Juden getötet. Und das alles systematisch, geplant und nach industrieller Methodik: Hopp, rein in die Dusche. Zack, Tür zu. Schnell das Gas an. Fertig! So oder so ähnlich - mehr als 6.000.000 Mal.

„Warum müssen Sie das an einem wundervollen Morgen in der Zeitung lesen?"Bernd Bergmann, Volontär OV

Warum müssen Sie das an einem wundervollen Morgen in der Zeitung lesen? Das ganze Thema wurde doch schon so häufig durchgekaut. Langsam reicht es. Und eigentlich haben wir, die nach dem Krieg geboren wurden, ja auch nicht die Schuld daran! Es nervt, dass wir immer wieder auf die Geschichte aufmerksam gemacht werden. Oder nicht?

Um es mit den Worten des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zu sagen: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah, aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird (Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, 8. Mai 1985).“

An diesem Freitag, dem 8. Mai 2020, jähren sich der „Tag der Befreiung“ vom deutschen Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkrieges (8. Mai 1945) zum 75. Mal. Wussten Sie nicht? Das kann bei all den Feiertagen im Mai durchaus untergehen. Schließlich ist der 8. Mai nur ein Gedenk-, aber kein Feiertag. Nur Berlin hat die Wichtigkeit des Datums erkannt und gibt den Menschen am Freitag einmalig frei. Schade eigentlich, dass Niedersachsen nicht mitgezogen hat. Schade auch, dass dieser Tag nicht sowieso bundesweit in jedem Jahr, wie auch in anderen europäischen Ländern, ein gesetzlicher Feiertag ist. Wie oft feiern wir irgendwas an irgendwelchen Daten. Wenn es aber wirklich mal an einem Datum um Frieden und Freiheit geht, dann ist das nicht möglich. Warum?

Es ist spät geworden. Plötzlich klopft es an der Tür. „Aufmachen“, schreien Menschen im Treppenhaus. Was Erna Marx 1941 in diesem Moment wohl dachte? Was haben die Nachbarn - in einer kleinen Stadt wie Vechta, wo jeder jeden kennt - gemacht? Zugeschaut, weggesehen? Und wieso wurden die Nazis überhaupt auf Erna Marx aufmerksam? Hat sie geweint? Oder trat die junge Frau aus Vechta trotz aller Ausweglosigkeit den Monstern mit einem wundervollen Lächeln, mit dem sie die ganze Nacht aufhellte, entgegen?

Zur Person:

  • Bernd Bergmann ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@om-online.de.

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