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Frust, Gewalt, Frust - gefangen in einem Teufelskreis

Randale und Attacken: Brutale Ausschreitungen nehmen zu. Doch was steckt hinter den Gewalttaten? Die Vechtaer Professorin Yvette Völschow nimmt Stellung.

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„Partygäste“: Während der Stuttgarter Krawallnacht im Juni stehen Menschen vor einem geplünderten Geschäft in der Marienstraße. Polizei und Ordnungskräfte suchen nun nach Strategien gegen die Randale, die es später auch in Frankfurt gab. Foto: dpa/Rettig

„Partygäste“: Während der Stuttgarter Krawallnacht im Juni stehen Menschen vor einem geplünderten Geschäft in der Marienstraße. Polizei und Ordnungskräfte suchen nun nach Strategien gegen die Randale, die es später auch in Frankfurt gab. Foto: dpa/Rettig

Woher kommt mutmaßlich diese „neue Bereitschaft“ Gewalt gegen Polizeikräfte anzuwenden?

Der sogenannte "Widerstand gegen und tätliche Angriffe auf die Staatsgewalt" hat nachweislich auch hierzulande in den vergangenen Jahren zugenommen. Das Phänomen an sich ist prinzipiell kein neues und betrifft immer häufiger auch Rettungskräfte und Bedienstete der öffentlichen Verwaltung. Amtsträger fungieren als Projektionsflächen für Frust jeglicher Art und vor allem die Polizei wird dann als besonderes Symbol staatlicher Macht zum Feindbildrepräsentanten. Dass sich die angesprochene Gewalt gegen Polizeibeamte aktuell zuspitzt, kann nur über ein Konglomerat verschiedener Einflüsse erklärt werden. Allein von "integrationsunwilligen jungen männlichen Migranten" auszugehen, wie es zum Teil  in einigen medialen Berichterstattungen erfolgt, ist meines Erachtens zu kurz gegriffen. Vielmehr ist anzunehmen, dass sich die Handlungen der Täter*innen – ähnlich wie es bereits in den Pariser Banlieues zu beobachten war – in Marginalisierungserfahrungen, einer zunehmenden Politikverdrossenheit sowie akut aufgeheizten Stimmung im Zuge der Corona-Auflagen und auch der Black-Lives-Matter-Bewegung begründen.

Foto: Uni VechtaFoto: Uni Vechta

Gewalt gegen Polizeibeamte scheint für bestimmte Personengruppen "cool" zu sein – kann diese Erscheinung wissenschaftlich erklärt werden?

Wie angedeutet ist hier von einer Mehrfaktorialität auszugehen. An den mit Frustrationserlebnissen verbundenen herausfordernden Lebenslagen der Täter*innen setzen diverse kriminologische Erklärungsansätze an, wie zum Beispiel die Konflikttheorie, die Desintegrationstheorie und die Frustrations-Aggressions-Theorie. Auch der Konsum enthemmend wirkenden Alkohols und eine bereits aufgeheizte aggressive Stimmung – wie bei dem erwähnten Ereignis in Frankfurt auf einer Corona-Party, die in einer Massenschlägerei mündete, gegen die die Polizei vorgehen wollte - sowie gruppendynamische Prozesse können als ursächlich gesehen werden. Mit Blick auf den jungen Täterkreis spielen zudem SocialMedia-unterstützte Dynamiken eine Rolle. Über hochgeladene Videos erzeugen die Täter Aufmerksamkeit und ernten bei Gleichgesinnten Anerkennung. Darüber hinaus bieten die sozialen Medien Raum für die schnelle Verbreitung und Verstärkung von Stimmungen. Aktuell sind – unter anderem aufgrund der Ereignisse in den USA – Diskussionen um Polizeigewalt, Rassismus und Diskriminierung auch in Deutschland sehr präsent.

Nicht nur die tatsächliche Gewalt, sondern auch die positiven Reaktionen von Anwesenden auf die Gewalt macht derzeit beispielsweise der Polizei in Frankfurt Sorgen. Was wären Ihrer Meinung nach Möglichkeiten für die Einsatzkräfte solchen negativen Begegnungen vorzubeugen?

Hier sind Übertragungs- und Nachahmungsdynamiken in Gang gesetzt. Diesen ist vermutlich am ehesten vorzubeugen, wenn es der Polizei gelingt, ihre in den vergangenen Jahrzehnten ausgebauten kommunikativen Fähigkeiten und ihre generelle Deeskalationsorientiertheit – für die sie auch international steht – weiterhin hochzuhalten.

Vor dem Hintergrund der verstärkten Diskussionen um Staatsgewalt und Freiheitseinschränkungen, Polizeigewalt und Racial Profiling, die auch mit Vertrauenseinbußen in der Bevölkerung einhergehen können, scheint es wichtig, dass das polizeiliche Handeln weiterhin nur punktuell bleibt und situationsangemessen – nicht aber generell – einer Nulltoleranzstrategie folgt. Das ist eine besondere Herausforderung, denn es gibt kaum eine Berufsgruppe, die derart gefordert ist, sowohl deeskalierend-klärend als auch beherzt-durchgreifend zu agieren und zwar jeweils situationsangemessen reflektiert und fokussiert. Nicht zuletzt scheint es günstig, dass die Polizei diese sensiblen Themen möglichst transparent und bevölkerungsnah bearbeitet – gestützt durch eine entsprechende wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Ihre Meinung: Inwieweit können wissenschaftliche Untersuchungen – beispielsweise zu "Racial Profiling" oder zu Gewalt gegen Polizist*innen – helfen, die Situation zu beruhigen?

Wissenschaft hat die Aufgabe, Phänomene zu erklären und Erklärungen können beruhigend wirken – müssen es aber nicht. Jede Frage, die Wissenschaft klärt, zieht mehrere neue, eventuell auch beunruhigende Fragen nach sich. Generell sind aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Studien zu unterschiedlichen Fragestellungen im Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen zu begrüßen. Darunter könnten neben problemzentrierten auch ressourcenorientierte Fragestellungen sein; zum Beispiel mit Blick darauf, wie es Polizeibeamt*innen gelingen kann, einen Einsatz wie in Frankfurt so zu verarbeiten, dass sie beim nächsten Einsatz wieder professionell offen und schwerpunktmäßig deeskalierend auf eine alkoholisierte und aggressive Person zugehen können. Wenn eine Untersuchung Racial Profiling nachweist, wäre meines Erachtens auch die Frage nach möglichen Gründen zu stellen – egal, ob die Ursachen struktureller oder biografischer Natur sind. Wissenschaft ist dabei oft unbequem und sie ist – trotz aller Distanz – spätestens wenn es um die Auswirkungen auf die Praxis geht, nicht wertfrei.


Zur Person:

  • Professorin Dr.in Yvette Völschow ist seit 2008 Universitätsprofessorin für Sozial- und Erziehungswissenschaften an der Universität Vechta. Zuvor arbeitete sie an der Niedersächsischen Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege an der Fakultät Polizei. Sie führte die Studie "Kollegiale Beratung und Supervision im Polizeidienst" durch.

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