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Ein westlicher Staat lässt sich nicht exportieren

Der Fall Afghanistans an die Taliban ist bitter und enttäuschend. Der Westen muss nun neue strategische Interessen  artikulieren – und unbequeme Einsichten akzeptieren.

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Das Ende des internationalen Einsatzes in Afghanistan markiert eine Zäsur. Seit 2001 sind weit mehr als 100.000 Menschen in Afghanistan im Krieg und bei Terroranschlägen ums Leben gekommen: Zehntausende Zivilisten, zehntausende afghanischer Kämpfer auf allen Seiten, tausende westlicher Soldaten. Die Bilanz ist blutig, auch finanziell war der Einsatz teuer: Seine Kosten dürften an die Billionenmarke reichen.

Zuletzt hat den Westen schockiert, wie schnell das Land – Provinz um Provinz – an die Taliban fiel. Von den Sicherheitskräften kam kaum Widerstand, Soldaten und Polizisten liefen über Nacht davon. Der afghanische Staat, den der Westen 20 Jahre lang aufzubauen versucht hatte, stellte sich als Potemkinsches Dorf heraus.

Die Kritik der vergangenen Wochen an der chaotischen, teils gescheiterten Evakuierung Schutzbedürftiger durch westliche Regierungen ist berechtigt. Wer aber grundsätzlich die Entscheidung für den Abzug der internationalen Truppen kritisiert, muss sich fragen lassen, was die Alternative war? Wann wäre ein besserer Zeitpunkt gekommen? Oder wären unsere Soldaten für immer in Afghanistan geblieben, um einen fragilen Staat mit korrupten Eliten am Leben zu erhalten?

"Der US-Präsident hat klar gemacht, dass es in der Außenpolitik künftig noch weniger um Ideale als vielmehr um nationale Interessen geht"Philipp Ebert

US-Präsident Joe Biden hatte mit seiner Rede am Dienstag recht: Es gab nur die Wahl zwischen einer neuerlichen Eskalation – mit zehntausenden weiterer Soldaten – oder dem Abzug.

Der Fall Afghanistans manifestiert, was sich über die vergangenen Jahre immer deutlicher abgezeichnet hat: Ein westlicher Staat lässt sich nicht exportieren. Ein gewaltsames Regime von der Macht zu vertreiben, ist das eine; ein Staatswesen, eine Regierung, gar eine Demokratie aufzubauen – das ist eine andere Herausforderung. An ihr ist der Westen gescheitert.

Die islamische Welt teilt sich nunmehr auf in Autokratien wie Saudi-Arabien oder die Türkei, gescheiterte oder scheiternde Staaten wie den Libanon oder Afghanistan, Theokratien wie den Iran oder Bürgerkriegsländer wie Syrien oder Libyen. Die Hoffnung der vergangenen Jahrzehnte, den Islam mit Demokratie und Menschenrechten zu verbinden, sie ist vorerst zerstoben.

Auch vor diesem Hintergrund war Bidens Rede bemerkenswert: Der US-Präsident hat klar gemacht, dass es in der Außenpolitik künftig (noch) weniger um Ideale als vielmehr um nationale Interessen geht. Wenn Amerika künftig Terroristen jagen will, braucht Washington keine Bodentruppen mehr. Drohnen können das effektiver, kostengünstiger und – für amerikanische Soldaten – mit weniger Gefahr erledigen. 

Europa braucht größere militärische Fähigkeiten

Es bleibt abzuwarten, wie Deutschland und Europa ihre strategischen Interessen künftig definieren. Sichere Handelsrouten? Verhinderung großer Fluchtbewegungen? Wir brauchen eine strategische Debatte. Wir brauchen Ehrlichkeit. Und militärische Fähigkeiten, um diese Interessen auch ohne die Amerikaner durchsetzen zu können.

Das sind die Aufgaben für morgen. Heute bleiben zunächst Fragen: Wofür haben unsere Soldaten in Afghanistan gekämpft? Wofür sind sie gestorben, welches Ziel wurde mit ihrem Opfer und mit dem Leid ihrer Familien erkauft? Die Antwort fällt schwer. Es gibt derzeit keine wirklich gute. Was für eine bittere Erkenntnis nach 20 Jahren in Afghanistan.

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