Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Ein Rockstar mit Zielkonflikten

Gastbeitrag: Seit einigen Tagen gibt es die Corona-Warn-App in Deutschland. Autor Nick Lin-Hi empfiehlt die Installation.

Artikel teilen:

Am vergangenen Dienstag wurde die Corona-App der Bundesregierung vorgestellt. Einfach formuliert, merkt sich die App diejenigen Menschen, denen man in den letzten 14 Tagen begegnet ist (sofern diese denn auch die App auf ihrem Smartphone installiert haben). Stellt sich nun heraus, dass einer dieser Menschen an Covid-19 erkrankt ist, dann kann einem die App das eigene Infektionsrisiko anzeigen und passende Handlungsempfehlungen liefern.

Die deutsche Corona-App ist technologisch zweifelsfrei ein Rockstar – um einen Begriff aus der Pressekonferenz zu verwenden – und setzt mit dem Bluetooth-Ansatz weltweit Maßstäbe. Und ja, es sei ganz klar jedem empfohlen, sich diese auf das eigene Smartphone zu laden.

Grundsätzlich ist die Corona-App ein starkes Instrument zur Bekämpfung der aktuellen Pandemie. Sie setzt dabei an dem Punkt der Rückverfolgung und der Durchbrechung von Infektionsketten an. Damit ist sie Teil der sogenannten Containment-Strategie, bei der Neuinfektionen verlangsamt und eingegrenzt werden. Je besser dies gelingt, desto zielgerichteter können auch die Maßnahmen bei Infektionsausbrüchen sein; oder auf den Punkt gebracht: lokale Beschränkungen statt eines bundesweiten Lockdowns.

"Die Leistungsfähigkeit der deutschen Corona-App ist infolge von größtmöglichem Datenschutz und Freiwilligkeit beschränkt."Nick Lin-Hi, Professor an der Universität Vechta

Ein erfolgskritischer Faktor für zielgerichtete Maßnahmen ist die Fähigkeit, Infizierte und deren Kontaktpersonen schnell zu identifizieren und anschließend zu isolieren. Eben diese Fähigkeit kann durch eine Corona-App deutlich gestärkt werden, da sie darauf angelegt ist, den ganzen Prozess zu digitalisieren.

Ohne die App muss die Nachverfolgbarkeit gewissermaßen händisch durch Befragung von Infizierten erfolgen, um ihre Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Eine solche Befragung ist zeit- und ressourcenintensiv und stößt naturgegeben dort an Grenzen, wo Kontakte nicht mehr präsent oder gar nicht bekannt sind.

Leistung hängt von der Durchdringungsrate ab

Bei der Vorstellung der App wurde mehrfach betont, dass diese beim Datenschutz hervorragend abschneidet und zudem ihre Stärke in der Freiwilligkeit der Nutzung liegt. Ausführungen zu ihrer Leistungsfähigkeit in Bezug auf die Pandemiebekämpfung gab es verhältnismäßig wenig. Letzteres könnte auch damit zusammenhängen, dass die Leistungsfähigkeit der deutschen Corona-App infolge von größtmöglichem Datenschutz und Freiwilligkeit beschränkt ist.

Deutlich wird dies bereits vor dem Hintergrund, dass die Leistung einer jeden Corona-App von der Durchdringungsrate abhängig ist, das heißt, sie muss auf möglichst vielen Smartphones installiert sein. Hinzu kommt bei der deutschen Corona-App, dass ein Nutzer einen eigenen positiven Test selbst melden muss, das heißt, er muss gewissermaßen zustimmen wollen und können, dass Kontaktpersonen gewarnt werden.

"Eine Gesellschaft sollte wissen, dass Datenschutz einen Schattenpreis hat, der sich hier konkret in Bereichen wie Gesundheit, Arbeitsmarkt, Wohlstand und auch Freiheit niederschlägt."Nick Lin-Hi, Professor an der Universität Vechta

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei klar betont, dass dies hier kein Plädoyer für weniger Datenschutz oder gar für mehr staatlichen Zwang ist. Es ist aber ein Plädoyer dafür, dass wir als Gesellschaft ehrlich über existierende Zielkonflikte reden sollten. Die Corona-Pandemie macht deutlich, dass es Situationen gibt, in denen wir als Gesellschaft abwägen müssen.

Es ist dabei eine unbequeme Einsicht, dass sich in einer Pandemie nicht gleichzeitig Todesfälle und ökonomische Schäden minimieren lassen. Analog hierzu gilt, dass sich Datenschutz und die Rückverfolgbarkeit von Infektionsketten nicht gleichzeitig maximieren lassen. Eine Gesellschaft sollte wissen, dass Datenschutz einen Schattenpreis hat, der sich hier konkret in Bereichen wie Gesundheit, Arbeitsmarkt, Wohlstand und auch Freiheit niederschlägt.

Datenschutz ist ein wichtiges Gut in der freien, demokratisch verfassten Gesellschaft. Aber es ist nicht das einzig wichtige Gut. Wir als Gesellschaft tun gut daran, eben dies transparent zu machen und präsent zu halten. Es ist ein Unterschied, ob wir uns als Gesellschaft für den technisch höchstmöglichen Datenschutz aussprechen oder aber für einen Datenschutz mit sehr hohen Standards.


Zur Person:

  • Professor Dr. Nick Lin-Hi ist Inhaber der Professur für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta.
  • Den Autor erreichen Sie über info@om-online.de.

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Ein Rockstar mit Zielkonflikten - OM online