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Dr. Henrike Voet: "Wir dürfen nicht starr in unserem Denken sein"

Kandidaten-Check zur Bürgermeisterwahl am 6. März (Sonntag) in Lohne: Die 38 Jahre alte Regierungsdirektorin stellt sich 20 provokanten Thesen rund um Themen der Stadt.

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Ein besonderer Ort: Den Waldspielplatz auf der Rehwiese besucht Dr. Henrike Voet gerne mit ihrer Familie. Im Video auf OM-Online erklärt sie, was das Kinderparadies im Hopener Wald für sie bedeutet – und wie sie sich zum geplanten Neubau eines Hallenbades positioniert. Foto: Timphaus

Ein besonderer Ort: Den Waldspielplatz auf der Rehwiese besucht Dr. Henrike Voet gerne mit ihrer Familie. Im Video auf OM-Online erklärt sie, was das Kinderparadies im Hopener Wald für sie bedeutet – und wie sie sich zum geplanten Neubau eines Hallenbades positioniert. Foto: Timphaus

Wer wird Bürgermeister von Lohne? Eine Frau und zwei Männer kämpfen um das höchste Amt der Stadt. Bei der Wahl am 6. März (Sonntag) entscheidet sich, wer die Nachfolge des heutigen Landrats Tobias Gerdesmeyer antritt: Dr. Henrike Voet (CDU), Frank Wassenberg oder Stephan Blömer (beide unabhängig und parteilos), den ein breites Bündnis aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Die Linke und der Bürgerinitiative „Pro Wald“ unterstützt.

Doch wie ticken die Bürgermeisterkandidaten? Welche politischen Positionen vertreten sie? OM-Online fühlt den Kandidaten auf den Zahn – mit 20 provokanten Thesen zu unterschiedlichen Lohner Themen. Heute stellt sich Dr. Henrike Voet dem Kandidaten-Check.

These 1: Die geplante Leffers-Erweiterung ist der letzte Sargnagel einer sterbenden Innenstadt.

Allein mit Einzelhandel werden wir die Innenstadt nicht mehr beleben. Wir müssen umdenken – und auf einen Branchenmix setzen: Büros, Gewerbe, öffentliche Dienstleistungen, soziale Einrichtungen. Gastronomie nicht zu vergessen. Die Innenstadt muss sich breiter aufstellen. Außerdem müssen wir Anreize für verschiedene Bevölkerungsgruppen schaffen, damit sie Freizeit in der Innenstadt verbringen. Die Anregung aus meinem Bürgercafé, wieder Sandkästen aufzustellen, gerne mit Liegestühlen oder Strandkörben, könnte aus meiner Sicht ein erster Schritt sein, damit junge Familien in die Innenstadt gehen. So ließe sich Aufenthaltsqualität schaffen. Zu Leffers: Wir können froh sein, ein solches Modehaus in Lohne zu haben. Das ist ein absoluter Pluspunkt. Einer Erweiterung sollten wir keine Steine in den Weg legen.

These 2: 2030 redet niemand mehr über die Probleme der Innenstadt.

Wenn wir auf einen Branchenmix und die Steigerung der Aufenthaltsqualität setzen, schaffen wir es meiner Ansicht nach, wieder Frequenz in die Innenstadt zu bekommen – auch wenn es sicherlich nicht von heute auf morgen klappt.

These 3: Das Ende der Fußgängerzone wäre der Neuanfang für die Innenstadt.

Darüber muss man diskutieren. Aber wir können nicht alles gleichzeitig umsetzen. Wir sollten zwischendurch auch mal innehalten und analysieren, wie sich Veränderungen auswirken. Wenn etwas falsch war, können wir gegensteuern. Wir dürfen nicht starr in unserem Denken sein.

These 4: Die Nordwestumgehung kommt nie – und das ist auch gut so.

Es ist sinnvoll, den Verkehr aus der Innenstadt fernzuhalten. Deswegen ist die Nordwestumgehung ein Vorhaben, welches ich grundsätzlich befürworte. Man muss das Ganze aber auch abwägen im Hinblick auf den Klima- und Umweltschutz. Und auch die Finanzierung ist aus meiner Sicht ganz entscheidend bei diesem Projekt. Ich bin für eine Nordwestumgehung – aber nicht um jeden Preis.

These 5: Der Radverkehr in Lohne lässt sich nur stärken, indem weite Teile der Innenstadt für Pkw gesperrt werden.

Nein. Wir können den Radverkehr auf andere Weise stärken, zum Beispiel durch die Einrichtung weiterer Fahrradstraßen oder den Neubau von Radwegen. Ein stärkerer Radverkehr wäre gut, weil sich dadurch das Verkehrsaufkommen an neuralgischen Punkten und zu Hauptverkehrszeiten reduzieren lässt. Dafür müssen wir die Bedingungen für Fahrradfahrer in Lohne verbessern. Das heißt aber nicht, dass wir die Innenstadt völlig vom Autoverkehr frei halten sollten.

These 6: Lohne sollte um das St.-Franziskus-Hospital kämpfen.

Beim geplanten Zentralklinikum Vechta-Lohne gibt es derzeit noch einige große Unbekannte: Kommt es überhaupt? Auf der grünen Wiese? In Vechta oder Lohne? Solange wir nicht wissen, wie es mit diesem Projekt weitergeht, ist es schwer, eine Prognose zum Krankenhausstandort in Lohne zu treffen. Für mich ist es wichtig, für die gesamte Bevölkerung eine gesundheitliche Grundversorgung wohnortnah auch in Zukunft sicherzustellen.

These 7: Ein Kinder- und Jugendparlament für Lohne wäre ein Rohrkrepierer. Die Jugend hat kein Bock auf Politik.

Die Art und Weise des Engagements von Kindern und Jugendlichen hat sich verändert, es ist mehr projektbezogen. Sie haben ein Thema vor Augen, stürzen sich drauf und kämpfen dafür. Das ist ein Wandel im Denken. Vor diesem Hintergrund bezweifle ich, dass ein Kinder- und Jugendparlament der einzige Weg ist, jüngere Menschen an Entscheidungen zu beteiligen. Mein Ziel ist es, mit allen Bürgern – und dazu zählen auch Kinder und Jugendliche – zu bestimmten Projekten ins Gespräch zu kommen, um mit ihnen Möglichkeiten und Lösungen zu diskutieren. So erreichen wir diejenigen, die am Ende von dem Vorhaben profitieren. Ein gutes Beispiel ist der laufende Beteiligungsprozess zum Jugendtreff. Es sollte generell unser Weg sein, dass wir bei Projekten diejenigen einbeziehen, die es betrifft – und nicht von oben herab entscheiden.

These 8: Wenn Ratssitzungen live gestreamt werden, finden Parteien bald kein Personal mehr.

Da ist was dran. Im Stadtrat engagieren sich Ehrenamtliche. Ich finde, wir sollten ihnen den Raum zugestehen, Dinge offen zu diskutieren, bevor sie entschieden werden – ohne dass sie befürchten müssen, dass aufgrund einer Äußerung direkt ein Shitstorm im Internet losbricht.

These 9: Lohne will eine Stadt für Familien sein. Dann braucht die Kommune ein Spaßbad.

Nein. Das sehe ich anders. Es ist unstreitig, dass die beiden bestehenden Hallenbäder abgängig sind und dass etwas passieren muss. Aber ein übertriebenes Spaßbad lehne ich ab. Man muss sehen, was das für Betriebs- und Personalkosten auslöst. Es gibt etliche Kommunen, die sich riesige Spaßbäder gegönnt und sich dadurch finanziell ruiniert haben. Wir sollten ein Hallenbad bauen, das den Bedarf für Schul- und Vereinssport sowie Freizeitschwimmer abdeckt. Es sollte auch einen Eltern-Kind-Bereich geben. Aber ein reines Spaßbad wie das Tropical Islands bei Berlin halte ich für Lohner Verhältnisse für übertrieben.

These 10: Das Freizeitangebot bedarf keiner Verbesserung.

Wir sind in Lohne sehr breit aufgestellt, gerade im Sportbereich. Auch kulturell hat sich zuletzt etwas getan. Von der Kleinkunstbühne ist noch einiges zu erwarten. Für eine Stadt dieser Größe ist das Freizeitangebot schon sehr ausgeprägt. Verbesserungen sind natürlich immer möglich.

These 11: Der Jugendtreff muss sich von seiner Sozialarbeit trennen.

Den kürzlich gestarteten Beteiligungsprozess zum Jugendtreff halte ich für sinnvoll. Und diesen sollten wir offen angehen, sonst können wir uns so etwas auch sparen. Wir sollten die Rückmeldungen abwarten und schauen, was die Lohner Jugend bewegt. Auf Basis dieser Ergebnisse können wir dann eine Entscheidung treffen.

These 12: Lohne braucht keine flexiblere Kinderbetreuung, keinen Ganztag im Kitabereich. Der Nachwuchs fühlt sich bei Oma und Opa viel wohler.

Nicht jeder hat Oma und Opa vor Ort. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges gewandelt. Früher gab es viele Mehrgenerationenhaushalte. Ich bin selbst in einem solchen aufgewachsen. Heute ist das nicht mehr der Standard. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, müssen unsere Betriebe verstärkt Leute von außerhalb anwerben. Auch vor diesem Hintergrund halte ich es für notwendig, dass das Betreuungsangebot flexibler ausgestaltet und die Möglichkeit einer Ganztagsbetreuung ausgeweitet wird – vor allem durchgängig von der Krippe bis zum Kindergarten in derselben Einrichtung. Viele Mütter und Väter haben mir berichtet, dass ein Partner gerne mehr arbeiten würde als er das momentan machen kann – gerade weil die Kinderbetreuung derzeit zu unflexibel ist. Neben dem klassischen Modell „Mutter, Vater, Kind“ gibt es auch viele Alleinerziehende, die besonders auf eine verlässliche Kinderbetreuung angewiesen sind.

These 13: Blau-Weiß Lohne ist der größte Verein der Stadt, ein absolutes Aushängeschild. Es ist richtig, BWL bevorzugt zu behandeln.

Blau-Weiß Lohne leistet eine tolle und erfolgreiche Jugend- und Integrationsarbeit. Der Stadionumbau ist ein riesiges Projekt. Wir müssen die Arbeit und das Engagement bei BWL wertschätzen und wir müssen zu vernünftigen Lösungen kommen. Falls ich Bürgermeisterin werde, werde ich mir die Sportförderung anschauen, ob sie so weiter bestehen kann oder ob man Veränderungen vornimmt. Ich will mich für eine faire Vergabe von Sportfördermitteln einsetzen.

These 14: Die Stadt muss die Sportförderung zurückschrauben.

Eine so umfassende Vereinsförderung wie in Lohne leistet sich kaum eine Stadt in Deutschland. Wir sind auf einem sehr hohen Niveau unterwegs. Man muss natürlich auch schauen, wie die Haushaltslage der Stadt ist. Aktuell stehen wir sehr gut da. Aber: Wir stehen vor großen Veränderungen, beispielsweise in der Kunststoffindustrie. Wenn die Steuereinnahmen sinken, müssen wir uns die Frage stellen, ob wir uns dauerhaft eine solche Sportförderung leisten können. Das möchte ich aber nicht als unmittelbaren Ansatzpunkt verstanden wissen. Es kommt darauf an, wie die Stadt dasteht.

These 15: Lohne, bis 2050 klimaneutral? Das ist eine Illusion!

Wir müssen jeden Tag daran arbeiten, besser zu werden. Der Klima- und Umweltschutz hat in der Vergangenheit häufig nicht die größte Rolle gespielt. Das Thema müssen wir künftig bei Entscheidungen mehr mitdenken. Ob wir Klimaneutralität 2050 bereits komplett erreichen können, hängt auch von der Entwicklung von Technologien ab.

These 16: Jeder Baum zählt. Die Stadt sollte eine Baumschutzsatzung erlassen.

Zunächst müssen wir uns fragen: Welche Bäume wollen wir schützen? Geht es einzig um öffentliche Bäume oder auch um Bäume, die auf privatem Grund stehen? Ich halte eine allgemeine Baumschutzsatzung für falsch, weil dann kaum noch jemand einen neuen Baum auf seinem privaten Grundstück pflanzen wird. Der Hemmschuh, den wir dadurch schaffen, ist zu groß – vor allem, wenn wir die Zahl der Bäume im Stadtbild erhöhen wollen.

These 17: Zukünftige Generationen müssen sich darauf einstellen, dass sie in Lohne kein Eigenheim mehr bauen können.

Es besteht ein Flächenkonflikt zwischen Wohnen, Gewerbe und Landwirtschaft. Deswegen müssen wir weiter verstärkt auf Nachverdichtung, Mehrfamilien- und Reihenhäuser setzen. Wir können nicht immer neue Baugebiete ausweisen. Momentan gibt es keine Gewerbeflächen. Und auch die Landwirtschaft benötigt Raum, um sich entfalten zu können. Das ist ein wesentlicher Wirtschaftszweig in dieser Region. Ein Eigenheim kann auch eine Wohnung oder eine Doppelhaushälfte sein. Ein Eigenheim zu besitzen bedeutet auch nicht unbedingt, einen Neubau zu errichten. Es gibt viele alte Häuser, die nachgenutzt werden können.

These 18: Der Strukturwandel und Transformationsprozesse sind schuld: Die Finanzkraft bröckelt. Die Stadt muss den Gürtel künftig enger schnallen.

Der Lohner Haushalt sieht trotz der Corona-Pandemie aktuell sehr gut aus, vor allem mit Blick auf die Einnahmen durch die Gewerbesteuer. Sollte die Finanzkraft irgendwann bröckeln, müssen wir uns das natürlich genau anschauen. Fakt ist: Wir können nur das ausgeben, was wir auch einnehmen.

These 19: Wohnen, Industrie und Klimaschutz brauchen Platz. Die Landwirtschaft muss zurückstecken.

Wir müssen einen Ausgleich finden. Der Flächenkonflikt besteht. Es gibt keine Ideallösung. Beim Wohnen müssen wir künftig den Fokus auf Mehrfamilienhäuser, Nachverdichtung und Nachnutzung von Altimmobilien setzen. Bei der Ausweisung von Gewerbegebieten müssen wir etwas machen. Unsere Lohner Unternehmen können sich nicht erweitern, neue Betriebe können sich nicht ansiedeln. Auch in der Industrie wäre ein gewisser Branchenmix sinnvoll. Gleichzeitig müssen wir es den Landwirten ermöglichen, ihre Flächen weiterhin zu beackern. Es ist wie so oft: Es gibt kein Schwarz und Weiß. Es ist ein Kompromiss erforderlich.

These 20: Lohne sollte an den Straßenausbaubeiträgen festhalten.

Die Messe ist gelesen. Jetzt müssen wir uns anschauen, wie wir die ausbleibenden Einnahmen refinanzieren.


Fakten:

  • Am 6. März 2022 (Sonntag) wählen die Lohner einen neuen Bürgermeister.
  • Um das höchste Amt der Stadt bewerben sich Dr. Henrike Voet (CDU), Stephan Blömer und Frank Wassenberg (beide unabhängig und parteilos).
  • Die Amtszeit des neuen Verwaltungschefs geht bis 2031.
  • OM-Medien stellt die Kandidaten jeweils in einem Porträt vor und macht mit ihnen einen Kandidaten-Check.
  • Videos zu den Bürgermeisterkandidaten finden Sie unter www.om-online.de.

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