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Die Zeit ist reif

Thema: Aus für die Homeoffice-Pflicht – Warum? Die Auflage, Arbeiten daheim zu ermöglichen, ist im Ansatz gut. Nun muss daraus ein Recht und keine Abkehr werden.

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Es sind die gewohnt markigen Worte eines Lobbyisten, der mit Scheuklappen herumläuft: Als "bürokratischen Aktionismus" und "überflüssiges Einmischen der Politik" bezeichnet der Geschäftsführer der Arbeitgeberverbände, Kampeter, die im Februar wegen der Corona-Pandemie in Kraft getretene und bereits Ende Juni wieder endende Homeoffice-Pflicht. Die Unternehmen hätten die Heimarbeit ohnehin "eigenverantwortlich, freiwillig und sehr zuverlässig" ermöglicht, fügt er an. Das ist leider nur in Teilen korrekt. Auch deswegen bleibt ein staatliches Eingreifen weiterhin notwendig, diesmal allerdings richtig.

In vielen Unternehmen und Institutionen kam das Homeoffice nämlich nur sehr schleppend in Gang. Nicht selten mussten Beschäftigte und deren Vertretungen wiederholt Druck machen, damit sich überhaupt etwas bewegt, mitunter auch erfolglos. Denn die Krux war: Eine wirkliche Homeoffice-Pflicht gab es nie, auch wenn sie so hieß. Arbeitgeber wurden schließlich nur dazu verpflichtet, überall dort Homeoffice anzubieten, wo es möglich ist. Heißt: Wenn erklärt wurde, dass etwa die nötigen Arbeitsmittel fehlen oder die IT-Infrastruktur nicht ausreicht, hatte sich das Homeoffice weitgehend erledigt.

Selbst diese Light-Version von Pflicht geht nun zu Ende. Dabei hat sich das Homeoffice durchaus bewährt. Fast die Hälfte der niedersächsischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer will laut einer neuen Umfrage weiter von Zuhause arbeiten. Etwa wegen des Zeitgewinns, weil die Fahrt zur Arbeit wegfällt. Profitiert von diesem Instrument haben aber auch die Unternehmen, unter anderem weil ihre Kräfte daheim in Folge permanenter Verfügbarkeitserwartung deutlich mehr gearbeitet haben.

Flexibilisierung ist bislang eine Einbahnstraße

Warum also sperren sich manche Arbeitgeber gegen ein wie auch immer geartetes Homeoffice-Gebot? Wahrscheinlich steht dahinter die Angst vor Kontrollverlust, die kaum nachvollziehbar ist. Im Gegenteil: Erst durch die Improvisationsfähigkeiten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnte mancher Wirtschaftsbetrieb überhaupt aufrechterhalten werden.

Die Belegschaften haben also häufig sehr flexibel agiert. Das ist eigentlich genau das, was Kampeter & Co. immer fordern. Für ihn und seine Mitstreiter würde sich bei einem verbindlichen Rechtsanspruch aufs Homeoffice dennoch ein Problem ergeben, weil die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes plötzlich nicht mehr nur in eine Richtung verlaufen würde. Flexibilisierung bedeutet bislang: Abkehr von bekannten Arbeitszeitmodellen und der Tarifbindung, Aufweichung des Kündigungsschutzes, hohe Verfügbarkeit der Beschäftigten und mehr Niedriglohnjobs, also der methodische Ausverkauf von Normalarbeitsverhältnissen.

Kurzum: Die Beschäftigten müssen liefern, das Unternehmen profitiert. Wenn aus der kurzzeitigen Homeoffice-Pflicht jedoch alsbald ein Homeoffice-Recht werden würde, wäre die bisherige Einbahnstraße – zumindest in diesem Bereich – in beide Richtungen befahrbar. Die Zeit dafür ist reif.

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