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"Die Welt hängt wie ein Mobile zusammen"

Der Politikwissenschaftler Professor Dr. Peter Nitschke (Uni Vechta) analysiert in seinem neuen Buch die Globalisierung. Darunter sei viel mehr als die wirtschaftlich enge Vernetzung zu verstehen.

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Analyse einer Welt voller Ungewissheiten: Professor Dr. Peter Nitschke mit seinem Buch über die Globalisierung. Foto: Tzimurtas

Analyse einer Welt voller Ungewissheiten: Professor Dr. Peter Nitschke mit seinem Buch über die Globalisierung. Foto: Tzimurtas

Die Globalisierung – ist das nur die wirtschaftlich extrem vernetzte Welt? Handelt es sich dabei allein um die enormen Warenströme rund um den Globus und die Verlagerung der Massenproduktion in die Billiglohnländer?

Um wie viel komplexer das Phänomen ist, das sich – auch aufgrund der Wirkmacht von sozialen Medien – immer wieder gewandelt hat, das hat Professor Dr. Peter Nitschke, Politikwissenschaftler an der Universität Vechta, in seinem neuen Buch herausgearbeitet. Der Titel: "Antinomien der Globalisierung. Über die Gleichzeitigkeit des Ungleichen."

Widersprüche und Gegensätze sind grundlegend für Globalisierung

Die philosophisch klingende Formulierung macht deutlich: Widersprüche und Gegensätze sind grundlegend für die "Globalisierung" – und zwar nicht nur im wirtschaftlichen Sinn. Auch politische, soziale, kulturelle und religiöse Unterschiede in verschiedenen Weltregionen gehören dazu, die doch miteinander in Beziehung stehen. Und zwar sehr viel enger als jemals zuvor in der Geschichte.

Es gebe eine gesteigerte Unmittelbarkeit bei den weltweiten Auswirkungen von Vorgängen in irgendeinem Teil des Erdballs. Die Effekte seien aber jeweils unterschiedlich in ihrer Intensität, sagt Nitschke im Gespräch mit OM Online. Das sei das Neue an dem, was heute unter Globalisierung zu verstehen sei. "Die Welt hängt wie ein Mobile zusammen", erklärt er.

Damit drückt er aus, dass es aufgrund des Internets und der Verkehrsströme keine voneinander getrennten "Raumstrukturen" mehr gibt. Auch, wie fragil ein Zustand sein kann, veranschaulicht Nitschke damit. Mit unerwarteter Wucht kann Vieles in Bewegung geraten. Eine Sogwirkung mit solch gewaltiger Dynamik, die habe es in früheren Jahrhunderten nicht gegeben, führt Nitschke aus.

Noch immer herrscht ein lineares Verständnis vor – doch das ist falsch

Das wiederum hängt auch mit der Schnelligkeit in der Verbreitung von Bildern zusammen – über klassische Medien oder übers World-Wide-Web. Bilder islamistischer Terrorakte sind weltweit zeitgleich präsent, rechtsextremistische Attentäter übertragen im weltweiten Netz Live-Aufnahmen ihrer Gräueltaten. Diese Anschläge wiederum sind im Zusammenhang jener Kulturkämpfe zu sehen, die ihrerseits  zu den Erscheinungen der Globalisierung gehören, zu ihren dunklen Seiten.

Nitschke sagt: Noch immer gebe es ein lineares Verständnis von der Globalisierung. Das sei durch ältere Theorien geprägt. Etwa jener von Francis Fukuyama, der von einer fortschreitenden Demokratisierung ausging. Aber: Es gebe in der Globalisierung keine klare Entwicklung in eine Richtung. Weder gehe es eindeutig aufwärts noch bergab.

Außerdem: Gegensätze, die keine sind – auch das ist charakteristisch für die Globalisierung. So bedinge sich die Entgrenzung wechselseitig mit einer gleichzeitigen Fragmentarisierung. Letztere sei das vielleicht "noch wichtigere Kennzeichen der Globalisierung", hält Nitschke im ersten Kapitel fest.

Renationalisierung ist Reaktion auf Ungewissheiten der Globalisierung

Er erklärt es anhand dieses Zusammenhangs: Globalisierung war lange Zeit gleichgesetzt mit einer sich ausbreitenden Amerikanisierung. In der heutigen "Krisenformation", geprägt  durch die Einwanderung in die Sozialsysteme von EU-Staaten und dem gleichzeitigen Erstarken neonationalistischer Parteiungen, würden die USA selbst als Schwachpunkt für den Umgang mit den Effekten der Globalisierung erscheinen.

Die Folge: Ein traditionell durchaus verbreiteter Antiamerikanismus, der sich auch in Deutschland massiv halte, werde zum "Ausdruck eines Ressentiments gegen die Globalisierung". Darin liege aber auch eine falsche Sicht auf die Globalisierung, die als neoliberales Produkt "made in USA" missverstanden werde, erklärt Nitschke. Denn: Der interne Antrieb der Globalisierung sei nicht so sehr die Ökonomie, sondern die Kultur, die zivilisatorische Perspektive, wie er herausstellt.

Globalisierung ist unausweichlich

In einer Welt voller Ungewissheiten ist der Zug Richtung Renationalisierung (auch in den USA während der Präsidentschaft Donald Trumps) erkennbar, konstatiert Nitschke. Es sei der Ausdruck einer Sehnsucht nach einer heilen Welt (wie vermeintlich in früheren Zeiten), der Wunsch nach einer Rückkehr zu den Wurzeln, nach Rückgewinnung der Kontrolle. Berühmte Slogans aus diesem Kontext sind: "Take back control again" (Brexit-Kampagne) oder "America first" (Donald Trump).

Nitschke stellt in seinem Buch klar: Der Globalisierung könne man ebensowenig aus dem Wege gehen wie den Effekten einer Pandemie, wie sich in Corona-Zeiten zeigt. "Die Globalisierung ist unser aller Schicksal" – so lautet der erste Satz seines Werks mit elf Kapiteln.

Nitschke analysiert darin nicht nur. Er plädiert angesichts der Unausweichlichkeit der Globalisierung auch dafür, dass es mehr Supranationalität (Überstaatlichkeit) beim politischen Handeln geben müsse. Sein Buch beinhalte auch den Appell, "sich mehr Gedanken über die Globalisierungsfragen zu machen und sich nicht nur auf dem nationalen Tableau zu bewegen", sagt er.

  • Info: Peter Nitschke: Antinomien der Globalisierung. Über die Gleichzeitigkeit des Ungleichen. Verlag Peter Lang (Internationaler Verlang der Wissenschaften), Berlin 2021, 303 Seiten. 44.95 Euro.

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