Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Die Stadt Vechta ist in der Pflicht – und muss umdenken

Kommentar zum Thema: Hausrisse. In Vechta-Holzhausen und in einer nahen Siedlung kam es in drei Gebäuden zu massiven Furchen. Das ist von öffentlicher Relevanz. Behörden müssen Klarheit schaffen.

Artikel teilen:

Wenn plötzlich massive Risse in Häusern entstehen, dann ist das ein gewaltiges Ärgernis für die Besitzer. Das eigene Heim, der Ort der Geborgenheit und Sicherheit, zeigt erschreckende Bruchstellen. Zum Unbehagen und zur dauernden Sorge, ob sich neue Furchen durch Wände fressen, kommt die Ungewissheit über die Ursache. Und hier drängen sich auch diese Fragen auf: Geht die Bedeutung des Geschehens über Einzelfälle hinaus? Sind zuständige Behörden gefordert, um für Klarheit zu sorgen – auch um Vorsorge für die Bürger treffen zu können?

Im Fall der drei betroffenen Häuser in Vechta lautet die Antwort: ja. Denn es ist eine sehr zulässige Vermutung, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Setzungsrisse mit der Wasserentnahme und/oder mit der Erdgasförderung in dem Gebiet geben kann. Zwar weisen die Stadt Vechta und ihr Wasserwerk sowie die Energiefirma Exxon-Mobil eine Verantwortung zurück. Aber es bleiben wichtige Punkte ungeklärt – und die sind von übergreifender öffentlicher Relevanz.

So verweist die Stadt Vechta darauf, dass das Wasserwerk mit der Erhöhung der Grundwasserförderung in den Jahren 2018 und 2019, als es jeweils Hitzesommer und Trockenheit gab, noch unterhalb der vom Landkreis genehmigten Menge geblieben sei. Das klingt sehr nach Rückzug in bürokratischen Formalismus. In der Realität aber ist nicht die amtlich festgelegte Höchstfördermenge von Belang, die aus Zeiten vor den Extremsommern in Folge stammt. Wichtig ist, ob die Bilanz zwischen Grundwasserneubildung durch Regen und Grundwasserentnahme noch in Ordnung ist – mit den saisonalen Schwankungen im Blick. Es ist wie bei einem Konto: Man kann nicht mehr ausgeben, als man einnimmt.

Die Stadt Vechta will die Grundwasserförderung sogar erhöhen

Bemerkenswert ist: Die Stadt Vechta will sogar eine Genehmigung zur Erhöhung der Grundwasserförderung, weil sie von 6000 mehr Einwohnern in den kommenden Jahren ausgeht. Hierzu seien noch Gutachten erforderlich, hieß es. Das Bundesumweltamt mahnt derweil in aller Deutlichkeit: Deutschlandweit müssten Kommunen den Wasserbedarf senken, sich an Hitze und Trockenheit anpassen. Der Klimawandel habe Auswirkungen auf die Grundwasserneubildung. Und: „Änderungen des Grundwasserspiegels sind eine wesentliche Ursache für Setzungsschäden an Gebäuden“.

Deshalb: Auch die Stadt Vechta muss umdenken. Und sie muss – auch aus einem öffentlichen Interesse heraus – für Klarheit sorgen, warum im Norden, im Wasserschutzgebiet und in einer angrenzenden Siedlung, Risse in Gebäuden entstanden sind. Interessant ist auch, dass dort der Boden in Bewegung zu sein scheint, da Risse sich wieder verengt haben. Schnelle Austrocknung bei Hitze, schnelles Aufquellen bei Regen – trifft das vielleicht zu?

Außerdem: Wegen der steigenden Einwohnerzahl wird es mehr Gebäude mit mehreren Stockwerken geben. Die haben eine höhere Traglast. Das ist zu beachten, wenn der Boden durch eine steigende Grundwasserentnahme – vor allem in weiteren Hitzesommern – an Stabilität einbüßen kann.

Zum Erdgas: Es mag zwar bislang keine Erdbeben direkt in Vechta infolge der Erdgasförderung gegeben haben, wie die Firma Exxon-Mobil herausstellt. Aber ausgeschlossen ist das in Zukunft nicht, zumal es im Untergrund tektonische Störungen gibt. Auch das sollte beim Bauen neuer und höherer Gebäude zwingend beachtet werden.

Und: Durch die Erdgasförderung kommt es zur Kompaktion des Gesteins, was zu Senkungen im Boden führen kann. Exxon-Mobil kennt keine Senkungen bis zum Jahr 2014. Und danach? Die Exxon-Pressestelle antwortet wie folgt: „Nach unserem Kenntnisstand gibt es keine Messdaten nach 2014, da das niedersächsische Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) danach die Messkampagnen in dem Umfang nicht mehr durchgeführt hat.“ Das heißt: Es fehlen letztgültige Erkenntnisse hierüber. Wenn Exxon schreibt, das Unternehmen gehe nicht von Senkungen aus, weil es diese in den Jahrzehnten zuvor auch nicht gegeben habe, ist das nicht mehr als eine Annahme.

Die Situation bleibt angesichts offener Fragen unbefriedigend – es muss endlich Klarheit geben. Das ist im Interesse aller. Und da ist auch die Stadt Vechta in der Pflicht.

Info:  Zum Artikel „Wo Hausbesitzer von mysteriösen Rissen geplagt sind" 

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Die Stadt Vechta ist in der Pflicht – und muss umdenken - OM online