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Der ultimative Lehrplan für das neue Schuljahr

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Kein Corona-Lüften im Klassenraum mehr, dafür kalte Heizungen. Und warum Dichter Rolf-Dieter Brinkmann das alles schon vor 60 Jahren geahnt hat.

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Liebe Schülerinnen, liebe Schüler,

herzlich willkommen zum neuen Schuljahr! Zu Beginn wollen wir euch kurz vorstellen, was auf euch in den nächsten Monaten zukommt. Ihr wisst ja, dass der Herr Putin – nein, das ist nicht der neue Direktor – uns das Gas abgedreht hat. Daher bleibt das Klassenzimmer in diesem Winter kalt. Das ist gut für die grauen Zellen, die werden bei Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht so schnell müde. Gottseidank gibt es ja das neue Infektionsschutzgesetz, mit dem Corona so gut wie abgeschafft wurde. Demnach müssen wir nicht mehr ständig lüften. Es wird also auch nicht kälter als vergangenen Winter.

Für alle Kinder in Vechta gilt: Schwimmunterricht findet in den kommenden Monaten im unbeheizten Freibad statt – je nach Wetterlage laufen wir alternativ Schlittschuh. Der Sportunterricht ist für alle Schülerinnen und Schüler in Südoldenburg ganzjährig draußen. In den schlecht gedämmten Sporthallen ist es einfach viel zu kalt. 

"In Geschichte steht in diesem Jahr das Wohlstandszeitalter zwischen 1960 und 2020 auf dem Lehrplan. Das ist die Zeit, in der die Wohnungen noch warm waren und Benzin noch nicht ein halbes Monatsgehalt gekostet hat."Stefan Freiwald

In Geschichte steht in diesem Jahr das Wohlstandszeitalter zwischen 1960 und 2020 auf dem Lehrplan. Das ist die Zeit, in der die Wohnungen noch warm waren und Benzin noch nicht ein halbes Monatsgehalt gekostet hat. Dass diese Epoche so abrupt aufhört, konnte damals keiner ahnen. Wir dachten, das geht ewig so weiter, trotz Klimawandel, Waldsterben und anderer Katastrophen. Naja, zumindest 30 Jahre hätte es ja noch dauern können, damit wir die Verantwortung auf euch hätten abwälzen können.

Wobei wir auch schon bei den Naturwissenschaften wären. Wir werden eine Exkursion ins Moor machen und live miterleben, wie es vertrocknet. Vielleicht schaffen wir es auch noch rechtzeitig in den Dinklager Burgwald, aber das wird knapp.

In Mathe befassen wir uns mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ihr wisst nicht, was das ist? Also, stellt euch vor, ein Mann von der SPD wird diesen Oktober im Wahlkreis Vechta direkt in den Landtag gewählt. Gleichzeitig wird ein Hauptmann der Reserve der Bundeswehr neuer Ministerpräsident und die Grünen versöhnen sich mit der konventionellen Landwirtschaft. Berechnet, ob diese drei Ereignisse eher eintreten, als dass jemand den Autoverkehr einschließlich Poser aus der Großen Straße in Vechta verbannt, der Einzelhandel in Lohne blüht und der Weihbischof heiratet!

"Einfache Gedanken über meinen Tod"

Die heimische Poesie ist Thema im Deutschunterricht. Wir suchen aktuelle Bezüge im Werk des in Vechta geborenen Dichters Rolf-Dieter Brinkmann. Der hat schon in den 1960ern – am Beginn des neulich zu Ende gegangenen Wohlstandszeitalters – geschrieben: "Er wird kommen, weder mit einem Messer in der Hand noch mit Gebrüll. Er wird kommen wie einer, der zufällig vorübergeht und nach der Uhrzeit fragt, er wird kommen und seinen Hut lüften. (...) Und er wird kommen,
er wird den Strom ablesen und das Gas (...)." Das Gedicht heißt übrigens: "Einfache Gedanken über meinen Tod". 

Es wird ein spannendes Schuljahr. Viel Spaß euch allen!


Zur Person:

  • Stefan Freiwald (49) ist Redakteur bei OM-Medien und hat ein Büro für Journalismus, PR & Nachhaltigkeit in Vechta. Er lebt mit seiner Familie in Oythe.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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