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Der Gewalt entkommen: Die Angst bleibt

Mit 17 kam Maria Telschenko allein nach Cloppenburg. Als die Staatsgewalt in Weissrussland brutal zuschlug, besuchte die zweifache Mutter gerade ihre Eltern (81) in der alten Heimat.

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Verschleppt mit Gewalt: Friedliche Demonstranten in Minsk verschwanden ohne rechtlichen Beistand in überfüllten Zellen. Die Freigelassenen berichten von Prügel und Folter. Foto: dpa/Grits

Verschleppt mit Gewalt: Friedliche Demonstranten in Minsk verschwanden ohne rechtlichen Beistand in überfüllten Zellen. Die Freigelassenen berichten von Prügel und Folter. Foto: dpa/Grits

Am Morgen der Wahl in Belarus überkam Maria Telishenko (40) ein dunkle Ahnung: "Es war wie die Stille vor einem schweren Unwetter, bevor der Donner losbricht", erzählt die zweifache Mutter. Bewaffnete Wachposten riegelten morgens die Straßen nach Minsk ab. Ihr Rückflug nach Deutschland: annuliert. "Die Spannung war so drückend, als ob die Luft zum Atmen fehlte“, berichtet die Cloppenburgerin. Stunden später brach der Sturm der Gewalt los.

Die Bilder sind um die Welt gegangen. Vermummte Sicherheitskräfte der gefürchteten Sonderpolizei Omon knüppelten auf friedliche Demonstranten ein, die das Wahlergebnis anzweifeln: Über 80 Prozent für Alexander Lukaschenko, den letzten Diktator Europas. Tausende werden in überfüllten Zellen übereinandergestapelt, weil sie eine nachvollziehbare Überprüfung der Wahlergebnisse forderten. Freigelassene Demonstraten berichten, wie sie in Blut und Urin auf dem Boden lagen.

Friedlicher Protest: Für die Frauen mit den weißen Blumen hat der Autokrat Lukaschenko nur Häme übrig. Die Terroristen würden sich hinter Frauen und Kindern verstecken, ließ er verlauten. Foto: privatFriedlicher Protest: Für die Frauen mit den weißen Blumen hat der Autokrat Lukaschenko nur Häme übrig. Die "Terroristen" würden sich hinter Frauen und Kindern "verstecken", ließ er verlauten. Foto: privat

Als um 9 Uhr die Wahllokale in Weißrussland öffneten, fiel landesweit das Internet aus. Maria Telishenko (ein von der Redaktion eingesetzter Name, um die Verwandten der Cloppenburgerin zu schützen) konnte ihren Mann zu Hause nicht über die Messenger-Plattformen erreichen, während sie voller Sorge mit ihren Kindern (4 und 6 Jahre alt) im Haus ihrer Eltern festsaß.

"Das Fernsehen ist reine Gehirnwäsche. Da ist immer alles super und schön."Maria Telisheko (Name von der Redaktion geändert)

Lukaschenko ließ im staatlich gelenkte TV-Sender verbreiten: Ausländische Mächte wollten durch digitale Sabotage die Wahl beeinflussen. "Das Fernsehen ist reine Gehirnwäsche", erzählt die seit 23 Jahren in Cloppenburg lebende Frau: "Da ist immer alles super und schön."

Die Nachrichtenblockade sollte wahrscheinlich Gräueltaten verdecken und Absprachen der Opposition unterbinden. Etwa 300 IT-Unternehmen , die Front gegen die Repressalien des Regimes machen, hatten eine App gegen den seit Jahren vermuteten Wahlbetrug entwickelt: Weißrussen sollten ihren ausgefüllten Wahlzettel zusammen mit ihrem Ausweis fotografieren und in einem Kontroll-Plattform hochladen. "Das funktionierte nicht mehr", berichtet Telishenko.

Millionen Menschen haben das Video einer öffentlichen Ermordung gesehen

Dem wirtschaftlich und technologisch maroden Staat gelingt jedoch keine Komplett-Blockade des Internets wie etwa China. Millionenfach haben Menschen auch in Weißrusslandinzwischen das Video einer öffentlichen Ermordung gesehen. Alexander Taraikowskij (34) stand allein, unbewaffnet mit ausgebreiteten Armen vor der Kette der „Omon“, als ein Schuss aus der Polizeireihe aufblitzte. Sekunden später brach er tot zusammen.

"Ich mache mir große Sorgen um meine Familie."Maria Telisheko (Name von der Redaktion geändert)

Das Ausmaß der Gewalt hat Maria Telishenko erst zu Hause mit freiem Zugang zu freien Medien erfasst. Während sie in der Corona-Quarantäne auf ihren Test wartet, erzählt sie, oft stockend vor Nervosität, von der Angst: "Ich mache mir große Sorgen um meine Familie." Die Eltern, 61 Jahre alt, leben etwa 80 Kilometer von Minsk entfernt, ebenso ihre Geschwister, ihre Nichten und Neffen. Maria kam allein nach Deutschland. Als Au-Pair-Mädchen verliebte sie sich mit 17 in Cloppenburg und heiratete nur ein Jahr später. Ihr Mann betreibt seit Jahren ein florierendes Lokal in der Stadt, sie führt die Bücher. „Ich habe gesehen, wie schwer es meine Eltern hatten“, sagt sie: "Jetzt sehe ich die nächste Generation, die es vielleicht noch schwerer hat. Nichts hat sich verändert."

Menschen kämpfen Monat für Monat ums Überleben

Eine Kinderpsychologin aus ihrer Verwandtschaft arbeitet für 150 Euro im Monat zehn bis zwölf Stunden täglich als Erzieherin in einer Kita. Sollte sie diese Arbeit ablehnen, würden ihr Vergünstigungen beim Bezug von Gas und Strom und der Miete abgezogen. „Wer sich weigert, wird in den Ruin getrieben“, kritisiert die Cloppenburgerin: "Die Menschen kämpfen Monat für Monat ums Überleben für sich und ihre Kinder."

"Ich kenne keinen, der für Lukaschenko gestimmt hat. Außer meine Oma. Sie ist 83 und kennt nur das Staatsfernsehen."Maria Telisheko (Name von der Redaktion geändert)

Die Unfreiheit liege wie Blei auf der Gesellschaft, sagt die Cloppenburgerin. "Ich kenne keinen, der für Lukaschenko gestimmt hat. Außer meine Oma. Sie ist 83 und kennt nur das Staatsfernsehen." Erinnerungen, wie sie als Kind gehungert hat, bestimmen ihre Haltung zur Politik: "Hauptsache kein Krieg", zitiert ihre Enkeltochter. Doch jetzt führt Lukaschenko Krieg gegen die eigenen Bevölkerung. „Selbst, wer für ihn gestimmt hat, ist entsetzt“, berichtet Telishenko. Denn die Gewalt traf Unbeteiligte – verschleppt, weil sie zufällig ein „falsche“ T-Shirt in Rot-Weiß trugen – die Farben der Opposition.

Obwohl Lukaschenko Rückendeckung bei Wladimir Putin gesucht hat, glaubt die Mutter: "Lukaschenko kann nichts mehr heilen: Die Wunden sind zu tief." Die zierliche Frau spricht nur aus einem Grund mit der Redaktion: "Ich habe Angst, dass die Menschen und die Regierungen im Westen vergessen könnten, was in Belarus gerade passiert ist." "Abzustumpfen" wäre jedoch "schrecklich", meint sie.

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