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Das Armuts-Zeugnis

Thema: Alleinerziehende und Kinder werden abgehängt – Abhilfe wäre schnell möglich. Was aber fehlt, ist der Wille in Staat und Gesellschaft, das System zu verändern.

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Wenn das Thema lustig wäre, böte sich ein Vergleich zum Kinoklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier an". Darin sitzt der Protagonist in einer Zeitschleife fest und erlebt immer wieder dieselbe Situation. Das Thema ist aber ganz und gar nicht lustig, denn es handelt vom Versagen einer satten, konsequent wegschauenden und sich in ihrer Wohlstandsblase verbarrikadierenden Gesellschaft.

Es geht um Armut, speziell von Kindern und Alleinerziehenden. Regelmäßig kommt dieses Thema wieder auf den Tisch. Im Gegensatz zu Hollywood, das seinen Hauptdarsteller als geläuterten Mann aus der Endlosschleife entlässt, ist ein Happy End in diesem Fall aber weiter entfernt denn je, weil die Politik und große Teile der Bevölkerung nicht bereit sind, das System auch nur ein wenig zum Wohl der Schwächeren umzugestalten.

Aktuell hat die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden, dass fast die Hälfte aller 1-Eltern-Familien einkommensarm ist. Heißt: Obwohl Alleinerziehende – weit überwiegend handelt es sich um Frauen – in den allermeisten Fällen erwerbstätig sind, können sie trotzdem mit ihrem Einkommen für sich und ihre Kinder nicht das Existenzminimum sichern. Arm trotz Arbeit: Warum ist das so? Weil diese Menschen in der Billiglohnfalle gefangen sind. Hungerlöhne von unter 1800 Euro brutto im Monat für einen Vollzeitjob sind zu wenig, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen und seinen Kindern eine Teilhabe am Alltag zu ermöglichen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt - mitunter in Armut

Apropos Kinder: Sie sind laut einer neuen Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in erheblichem Ausmaß von Armut betroffen. Die Armutsquote unter Heranwachsenden sei auf 20,5 Prozent gestiegen. Dahinter verbergen sich fast 3 Millionen Einzelschicksale. Auch hier sind vor allem Kinder von Alleinerziehenden betroffen sowie aus kinderreichen Familien. Heißt also: All jene, die künftig die Lasten zu tragen haben, die ihnen die heutige Wohlstandsgeneration etwa mit ihrer rücksichtslosen Zerstörung von Klima und Umwelt aufbürdet, sind auch heute schon die Verlierer. Und die Folgen der Corona-Pandemie sind zum Teil noch gar nicht abgebildet ...

Dabei ließe sich das Problem relativ zügig lösen, wie zahlreiche Wohlfahrtsorganisationen seit langem anprangern. Der bunte Reigen dringend notwendiger Maßnahmen fängt bei der Einführung einer bedarfsgerechten Kindergrundsicherung an und reicht über einen Finanzausgleich im Unterhaltsrecht bis zum Ausbau kostengünstiger sozialer Infrastrukturen. Auch die Erhöhung des Mindestlohns ist ein probates Mittel. Simple Rechnung: Wer mehr Einkommen hat, braucht weniger Unterstützung.

Gibt es also doch noch ein Happy End? Eher nicht. Denn was fehlt, ist weiterhin der Wille zum Wandel in Staat und Gesellschaft. Gleichwohl: Die Hoffnung stirbt zuletzt – mitunter in Armut.

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