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"Bin wieder im Bunker"

Kolumne: Aus der internationalen Freundschaft eines Deutschen und eines Israelis. Mehr als 3.000 Kilometer Distanz, doch die Sirenen sind ganz nah – bis zur langersehnten Waffenruhe.

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Es ist drei Uhr nachts. Mein Smartphone blinkt auf. „Wieder Sirenen“. Keine 2 Stunden vergehen, ehe ich die nächste Nachricht bekomme. „Bin wieder im Bunker.“ Ich lebe im sicheren Deutschland – mein bester Freund Tal (24) ist Jude. Und er lebt in dem Land, auf das zuletzt nahezu alle guckten: Israel.

Der eskalierte Nahostkonflikt: Für viele weit weg, für mich ganz nah. Eskaliert war der Konflikt mit dem Raketenbeschuss Jerusalems durch militante Palästinenser. Dem vorausgegangen waren Zusammenstöße und Konflikte zwischen Juden und Arabern in der beiden Gemeinschaften heiligen Stadt Jerusalem.

Große Angst vor den Raketen der Hamas hat Tal nicht

Fast 2 Wochen lang vergeht kein Tag ohne Sirenen. Tal lebt in Rosch haAjin, einer Stadt, die unweit von Tel Aviv ist. Nur einen Katzensprung weiter liegt Petach Tikva. Erst kürzlich besuchte Deutschlands Außenminister Heiko Maas die Stadt, in der eine der zigtausenden Raketen der islamistischen Hamas aus dem Gazastreifen einschlug. Häuser wurden zerstört, Menschen verletzt. „Der Boden hat gebebt“, schreibt Tal mir. Große Angst habe er dennoch nicht. „Wir haben ein sehr gutes Abwehrsystem.“ Und tatsächlich: Israels Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ soll laut israelischer Behörden etwa 85 bis 90 Prozent der Raketen abgewehrt haben. Trotzdem sei die Lage alles andere als schön, merkt Tal an.

Es ist derselbe Tag. Stunden später sprechen wir über Fußball; den Grund für unsere Freundschaft. Kennengelernt haben wir uns beruflich. Ich fing bei einem Fußball-Online-Portal an, Tal war dort bereits tätig und war ein paar Jahre mein Arbeitskollege. In unserem Gespräch über ein Videokonferenztool geht es auch kurz um Politik und über irgendwelchen Memes, die wir uns hin und her schicken. Wir lachen. Für einen kurzen Moment wirkt alles normal. Ich frage Tal, wie es ihm gehe. Dann folgt die Erinnerung: Es herrscht ein militärischer Konflikt. Direkt vor der Haustür. „Wie soll es mir gehen, wenn mehrmals täglich Raketen fliegen“, merkt er an. Stimmt. Da war doch was.

Es ist schon wieder Abend. Ein weiterer Tag voller Gefahren, Sirenen und ohne Waffenruhe ist vorbei. Es wird Nacht. Ich gehe schlafen. Irgendwann später blinkt mein Handy wieder auf: „Bin im Bunker.“ Für Tal gibt es seit einigen Tagen keine ruhige Nacht mehr.

Was ist mit dem Bruder?

Am nächsten Morgen fällt mir ein, dass Tals Bruder seit mehr als einem Jahr bei der israelischen Armee ist. Vorsichtig spreche ich ihn darauf an. Dass Joni (22) im Westjordanland stationiert ist, beängstigt ihn nicht. „Er darf nicht kämpfen. Er ist in Sicherheit“, sagt er mir per Sprachnachricht. Immerhin.

Der Tag vergeht: Tal studiert und lernt gerade für Prüfungen. Hin und wieder wird er gestört. Nicht vom Postboten oder vom bellenden Hund, sondern von den Sirenen. Wieder alles liegenlassen. Wieder die Ungewissheit. Vom Wohnzimmer aus geht's direkt in den hauseigenen Bunker. Er erklärt mir: „Wegen des jahrzehntelangen Konflikts haben sehr viele Menschen einen eigenen kleinen Bunker zuhause.“ Einerseits bin ich fasziniert. Denn wer hat schon einen eigenen Bunker? Zugleich ist es traurig und erschreckend, diesen überhaupt zu benötigen.

Ein weiterer Tag ist vorbei. Ich sitze weiter im sicheren Deutschland. Die Corona-Inzidenzwerte fallen, das Impftempo steigt. Es geht voran. Tal kennt das: Vor 3 Monaten wurde er geimpft. Die Restaurants und Fußballstadien sind längst wieder offen, die Maskenpflicht aufgehoben. Die Corona-Krise ist ausgemerzt. Wir sprechen gerade über die Pandemie, da blinkt das Handy wieder auf. „Hamas bestätigt Waffenruhe mit Israel“. Wir freuen uns per Videokonferenz. Tal kann nachts wieder ruhig schlafen, tagsüber ungestört lernen. Auch die zigtausenden Zivilisten im Gazastreifen können wieder ohne Sorgen ins Bett gehen, müssen keine Luftschläge der israelischen Armee befürchten. Die Eskalation im Nahostkonflikt ist gebremst – für den Moment.

Was kommt als nächstes? Hoffentlich nicht mehr der Bunker. Ich hoffe für ihn auf Frieden und Freiheit. Und auf eine lange Zeit ohne Krisen. Sei es Corona, oder sei es der Nahostkonflikt. Schalom!

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