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Betet für die Toten und kämpft für die Lebenden

Kolumne: Auf ein Wort – Schreckliche Bilder aus Lesbos, aus Belarus und von den Waldbränden in den USA. Doch was hat das in einer religiösen Kolumne zu suchen?

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Sie sind kaum zu ertragen: Die Nachrichten vom vergangenen Samstag. Selbst Christian Sievers, der abgebrühte ZDF-Nachrichten-Mann, scheint nach jedem Beitrag um Fassung zu ringen. Lesbos: Man hat gedacht, das Schlimmste sei schon erreicht. Aber nein, das Grauen steigert sich von Tag zu Tag. Die schrecklichen Bilder spitzen sich übers Wochenende zu.

Ortswechsel. Belarus/Weißrussland: Frauen werden grob in gepanzerte Fahrzeuge gestoßen. Keiner weiß, was mit ihnen passiert. Eine 75-Jährige stellt sich vor die Soldaten und wird zur Symbolfigur des Widerstands. Der Bezug ins Oldenburgische ist hautnah. Die Malteser engagieren sich in dem nur 1.000 Kilometer entfernten Land. Jeden Tag Telefonate diesbezüglich. Mails. Whats-App-Botschaften.

In den USA brennen die Wälder. Die Rauchpartikel kommen selbst hier im Norden an. Verursachen ein eigentümliches Licht am Abend. „Dabei steht die Hauptsaison der Brände erst noch bevor“, sagt Sievers und ringt wieder um Fassung.

„Glaube ist nichts für Hinterzimmer, sondern eine Schule des Sehens.“Dietmar Kattinger

Was hat das in einer religiösen Kolumne zu suchen? Johann Baptist Metz, 2019 verstorbener Münsteraner Professor für Theologie, hat ähnliches Leid als 16-Jähriger erlebt. „Eines Abends schickte mich der Kompanieführer zum Bataillonsgefechtsstand. Ich irrte die Nacht durch zerschossene, brennende Dörfer und Gehöfte. Als ich am Morgen zu meiner Kompanie zurückkam, fand ich nur noch Tote, lauter Tote, überrollt von einem Jagdbomber- und Panzerangriff. Ich konnte ihnen allen nur noch ins tote Antlitz sehen.“

„Wozu dann überhaupt Gott? Macht Gott glücklich?“, stellt er Fragen, die in diesen Tagen vielen auf der Zunge liegen. Seine Antworten in verkürzter Knappheit: „An Gott dranbleiben“, die erste. So wie Jesus am Kreuz sehr wohl laut geschrien, Gott aber nie verlassen hat. Sondern: „Gott um Gott bitten.“ Ausdrücklich ruft er zum Hunger nach dem Unendlichen auf.

Die zweite Antwort: Metz will die „Mystik der offenen Augen“. Das heißt das tiefe Verwurzelt-Sein in Gott, das gleichzeitig die Augen geöffnet hat für die Not der Welt.

Glaube ist nichts für Hinterzimmer, sondern eine „Schule des Sehens“. Christen müssen mit dem Gesicht der Welt zugewandt sein und bleiben. Eine Studienkollegin hat es vor rund 30 Jahren so formuliert: „Betet für die Toten und kämpft wie der Teufel für die Lebenden.“ Deshalb sind die Nachrichten Thema dieser Kolumne. Und Grund zu handeln.


Zur Person:

  • Dietmar Kattinger ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail unter info@om-online.de.

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