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Bescheuert

Kolumnist Lars Chowanietz ärgert sich, dass die Länder die verschärften Raserregeln vorerst zurückgenommen haben. Warum? Das erklärt er in seiner Schimpfschrift am Beispiel Tempo-30-Zone.

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Am späten Donnerstagnachmittag ploppte die Eilmeldung der Nachrichtenagentur auf dem Handy auf: "Neue Raserregeln in allen Bundesländern außer Vollzug gesetzt." Ich hätte in den Fahrradlenker beißen können. Der Donnerstag war der Tag, an dem ich auf dem kurzen Weg zur Arbeit und zurück nach Hause vier Mal in Tempo-30-Zonen von extrem eiligen Autofahrern geschnitten wurde. Ein weiteres Mal hätte mich ein SUV-Fahrer in einer Tempo-30-Zone beinahe vom Rad geholt, weil er bei Vollgas übersehen hatte, dass auf seiner Straßenseite ein Auto am Rand parkte. Er musste ausweichen. Auf meine Spur. Es war knapp.

Was die Raser-Regeln damit zu tun haben? Jeder dieser Fahrer war nach meinem Gefühl zu schnell: Wenn der Fahrradtacho deutlich mehr als Tempo 20 anzeigt und ein Auto entspannt vorbei zieht, dann ist das ein recht deutliches Indiz.

Nach den alten, jetzt wieder geltenden Regeln kann ich mit dem Auto mit Tempo 60 durch eine Tempo-30-Wohnstraße kacheln, ohne mir Sorgen um meinen Führerschein machen zu müssen. Erst wenn ich bei Tempo 61 erwischt würde, gäb’s ein Fahrverbot. Bei den neuen, jetzt vorerst von den Ländern zurückgenommenen und laut Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer viel zu scharfen Regeln wäre das schon bei Tempo 51 der Fall. Der Lappen wäre einen Monat weg. Aber bereits mit 50 Kilometern pro Stunde ist der Bremsweg im Vergleich mit Tempo 30 - laut Fahrschul-Rechenübung – schon doppelt so lang.

Natürlich, Tempo-30-Zonen sind nicht die Regel. In Deutschland muss der Verkehr rollen. Aber die Bereiche eignen sich perfekt, um über Sinn und Unsinn schärferer Regeln zu debattieren. Eben da, wo Verkehrsteilnehmer ohne Knautschzone unterwegs sind, sind scharfe Regeln zwingend - und eben auch harte Strafen bei Verstößen. Stattdessen kann ich jetzt wieder sorgenfrei 100 Prozent zu schnell durch Wohngebiete rasen. Die Geldstrafe hält sich in Grenzen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag gerne Autofahren. Und ich habe es oft eilig. Aber wenn irgendjemand andere in Gefahr bringt, weil er/sie ohne Angst vor ernsthaften Konsequenzen viel zu schnell durch die Stadt brettert, verliere ich die Fassung, vor allem seit der Geburt meiner Kinder. Die Rücknahme der verschärften "Raserregeln" ist - entschuldigen Sie das schlechte Wortspiel - bescheuert.

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