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Berlin: Faszination und Abscheu

Thema: Die Hauptstädte der Welt trifft oft Kritik und Missgunst. Besonders schlimm ist es mit Berlin. Dabei machen es die Verwaltungen anderer deutscher Großstädte nicht besser.

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Hauptstädte werden selten gemocht. Man schaue sich nur an, wie neidisch die Franzosen über Paris reden oder wie abschätzig viele Amerikaner über die "Eliten" in Washington. Bei Berlin ist es besonders schlimm. "Failed state", gescheiterter Staat, schimpfte gerade CSU-Generalsekretär Martin Huber, nachdem die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) von "Neid auf Berlin" gesprochen hatte. Allerdings hat diese Abneigung noch keinen Vereinsvorstand davon abgehalten, einen Wochenend-Trip an die Spree zu unternehmen. Gerne auch ohne Ehefrauen, denn Berlin ist bekanntlich eine Reise wert. Faszination und Abscheu halten sich wohl die Waage.

Es stimmt ja, dass die Berliner Verwaltung abgrundtief schlecht organisiert ist, was sich nicht zuletzt an der missglückten letzten Wahl gezeigt hat, die nun im Februar wiederholt werden muss. Aber ist es anderswo wirklich besser? Die aufgeblähten Bundesministerien, bundeseigenen Unternehmen und nachgeordneten Behörden können Ineffektivität bei extrem hohem Personalaufwand auch. Man denke nur an die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung oder die Bahn.

"Wenn der Finanzausgleich aber rechtens ist, dann darf jedes Land mit seinem Geld machen, was es will."Werner Kolhoff

Ein wiederkehrender Kritikpunkt an Berlin ist, dass es seine Steuereinnahmen für "linke" Projekte verwende, etwa die Kita-Gebührenfreiheit oder das kostenlose Schulessen. Zumal 3,5 Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich kommen, allen voran aus Bayern. "Undankbar" sei der Senat, sagte Huber. Nun ist der Finanzausgleich kein Almosen, sondern ein Verfassungsgebot, Artikel 107 Grundgesetz. Er sorgt für vergleichbare Lebensverhältnisse in allen Ländern. Außerdem kann Berlin wenig dafür, dass es nach der deutschen Teilung seine Banken an Frankfurt und seine Elektroindustrie (Siemens) an München verlor, was diese Regionen reich gemacht hat. Wenn der Finanzausgleich aber rechtens ist, dann darf jedes Land mit seinem Geld machen, was es will.

Legendär ist auch der Berliner Bau-Schlendrian, zum Beispiel beim Großflughafen. An Stuttgart 21, der zweiten Münchener Stammstrecke, der Hamburger Elbphilharmonie oder den Bundesbauten im Regierungsviertel sieht man aber, dass andere genauso schlecht planen. Es gilt für diese ganze Debatte wie so häufig Goethe: "Ein jeder kehr' vor seiner Tür – und rein ist jedes Stadtquartier." Im Februar nächsten Jahres wird politisch in Berlin gekehrt, im Oktober dann in Bayern. Nach den Wahlen werden sich manche beruhigt haben.


Zur Person:

  • Der Lohner Werner Kolhoff (66) hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet, war Sprecher des Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.

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