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Annalena Baerbock fordert in Oldenburg mutigen Aufbruch

Die Kanzlerkandidatin der Grünen mahnte auf einem Wahlkampfauftritt oberste Priorität für den Klimaschutz an. Gelinge das nicht, würden sich alle anderen Politikbereiche "dramatisch verschärfen".

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Klimaschutz soll Priorität haben: Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen, in Oldenburg. Foto: Tzimurtas

Klimaschutz soll Priorität haben: Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen, in Oldenburg. Foto: Tzimurtas

Immer wieder breitete Annalena Baerbock ihre Arme aus. Es wirkte, als wollte sie mit der Geste betonen, wie einfach es doch sein könnte, das Richtige in der Politik zu tun, es aber doch nicht geschieht. Zum Beispiel, wenn es um bessere Bedingungen für Kitas und Grundschulen geht. "Das ist unsere Zukunftsaufgabe", mahnte Baerbock. Und um Geld dafür zu haben, müssten bei denjenigen die Steuern "ganz leicht" erhöht werden, die ein Spitzeneinkommen und Vermögen haben.

Dafür gab es kräftigen Applaus für die Kanzlerkandidatin der Grünen, als sie am Mittwoch auf einer runden und nach allen Seiten offenen Bühne vor dem Oldenburger Schloss sprach. Hunderte waren zu dem Wahlkampfauftritt gekommen, um die Frau zu erleben, die seit Monaten auf Titelseiten zu sehen ist, als die große Hoffnungsträgerin der Partei gilt – aber zuletzt auch für eine Serie an Negativ-Schlagzeilen gesorgt hat. Etwa wegen Schummeleien im Lebenslauf oder abgeschriebener Passagen in ihrem Buch mit dem Titel "Jetzt".

Darüber verlor Baerbock kein Wort in Oldenburg. Es sollte nicht um Buße gehen bei diesem für sie so typischen Wahlkampfauftritt. Die 40-Jährige mit der jugendlichen Ausstrahlung gab sich volksnah, sprach mit einfachen Sätzen, lächelte viel, suchte den Kontakt zum Publikum. Manchmal schnitt sie sogar eine Grimasse, als sei sie mitten in einem alltäglichen Küchengespräch, bei dem sie die Welt erklärt.

Annalena Baerbock auf dem Podium. Foto: dpaAssanimoghaddamAnnalena Baerbock auf dem Podium. Foto: dpa/Assanimoghaddam

Dann wechselte sie wieder in den Ton und die Gestik ihrer Rolle als Polit-Popstar. Zum Repertoire zählte auch eine mahnend nach oben ausgestreckte Hand. Klare Prioritäten seien erforderlich, sagte Baerbock. Dafür würden die Grünen stehen. Das Publikum mochte sie, wie am häufigen Beifall zu erkennen war.

Wandel, Veränderung, Erneuerung, der Mut zu neuen Ideen. Baerbocks Rede drehte sich vor allem um dieses große Projekt der Grünen, das auch im Wahlprogramm im Zentrum steht. Die Partei liefert sich in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Union, erstmals besteht für die Grünen die Aussicht, bei der Bundestagswahl am 26. September zweitstärkste Kraft oder sogar die Nummer eins zu werden.

Pariser Klimaschutzabkommen soll Grundlage für Koalition sein

Und so stand auch diese Frage auf einem der Zettel, die das Publikum einreichen konnte, um von Baerbock eine Antwort zu hören: Welche Kröte sie bei Koalitionsverhandlungen nicht zu schlucken bereit sei, wollte eine Dame wissen. Baerbock zeigte Humor. „Ich bin ja in der Öko- und Tierschutzpartei, ich schlucke ohnehin nicht so viele Kröten“, sagte sie – erntete Lacher und wieder Applaus.

Dann die ernste Antwort: Der 1,5-Grad-Pfad sei „alles, was die Welt braucht“, sagte sie in Anlehnung an das von der Pariser Klimakonferenz ausgegebene Ziel für die maximal vertretbare Erderwärmung. "Und wenn wir nicht alles dafür tun, auf diesen Pfad zu kommen, dann wird es in Zukunft sehr, sehr schwer, gute Sozialpolitik zu machen, gute Sicherheitspolitik, gute Innenpolitik und erst recht gute Außenpolitik."

Alle Politikfelder würden sich "auf dramatische Art und Weise verschärfen", wenn es nicht gelinge, den Klimawandel auszubremsen. Deshalb mache es für sie und die Grünen keinen Sinn, in eine Bundesregierung einzusteigen, die nicht das Pariser Klimaabkommen als Grundlage habe.

Mitten in der Stadt: Hunderte kamen zum Auftritt von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) auf den Oldenburger Schlossplatz. Foto: dpaAssanimoghaddamMitten in der Stadt: Hunderte kamen zum Auftritt von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) auf den Oldenburger Schlossplatz. Foto: dpa/Assanimoghaddam

Der Klimaschutz – diesem Ziel gilt die oberste Priorität der Grünen. Baerbock stellte immer wieder heraus, dass es hier nicht um einen Widerspruch zur Wirtschaft oder zu sozialen Fragen gehe. Im Gegenteil: Unternehmen würden bereits zeigen, zu welchen klimafreundlicheren Innovationen sie fähig seien. "Das müssen wir doch nutzen", rief Baerbock.

Und: Sie sei gegen einen noch höheren Preis für CO₂, weil es die Falschen treffe. Deshalb seien 60 Euro pro Tonne richtig – gekoppelt mit einem Ausstiegsdatum für Verbrennermotoren. Woran es bisher fehle, seien klare Ansagen der Politik – und gute Gesetze. Als Beispiel für letztere nannte sie eine Solaranlagenpflicht auf Dächern.

Afghanische Unterstützer der Nato sollen vor Taliban geschützt werden

Nicht allein ums Wahlprogramm ging es, sondern auch um Tagespolitik. Baerbock kritisierte, dass es keine klare Zusage der Nato-Länder und Deutschlands gebe, die Dolmetscher und anderen Unterstützer der abziehenden Truppen aus Afghanistan vor einer Vergeltung durch die islamistischen Taliban zu schützen, indem sie aus der Situation herausgeholt werden. "Das ist das Gegenteil eines Europas der Werte", sagte sie.

Und so schloss sich ein Kreis zum Beginn ihrer Rede. Da hatte sie daran erinnert, dass es Menschen mit dem Mut zur Veränderung gegeben habe und gemeinsam etwas Neues zu bauen – die Europäische Union. Damals sei es darum gegangen, sich auf den Grundfesten der Geschichte zu erneuern. So sei es nun auch bei der Bundestagswahl, sagte sie. Ein vielleicht zu kühner Vergleich, aber er zeigt, welche Bedeutung die Grünen ihrem Projekt der Erneuerung beimessen, dem Baerbock ein Gesicht gibt.

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