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Abbas Besuch: Wie aus Routinen Fehler erwachsen können

Thema: Scholz und der Holocaust-Eklat – Scholz hätte den Gast, Palästinenserführer Abbas, mit Fug und Recht aus seinem Amtssitz komplimentieren können – mindestens jedoch seine Meinung sagen müssen.

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Pressekonferenzen nach Staatsbesuchen im Kanzleramt sind Routine. Die Journalisten versammeln sich im ersten Stock vor der „blauen Wand“, der Kanzler kommt mit seinem Gast, jeder gibt ein kurzes Statement ab, dann ein paar Fragen der Medienvertreter. Der Regierungssprecher eröffnet und schließt die Veranstaltung.

Wie aus Routine Fehler erwachsen können, hat man am Dienstag gesehen, als Palästinenserführer Abbas zunächst unwidersprochen behauptete, Israel habe an den Palästinensern „50 Massaker“ begangen, „50 Holocausts“. Eine ungeheuerliche Entgleisung mitten in der deutschen Regierungszentrale, eine ungeheuerliche Relativierung des Massenmordes an den Juden.

"Er gab dem Gast zum Abschied sogar noch die Hand und schimpfte erst hinterher, als die Kritik immer lauter wurde." Werner Kolhoff

Scholz hätte den Gast eigentlich deswegen mit Fug und Recht aus seinem Amtssitz komplimentieren können, mindestens jedoch ihm deutlich seine Meinung sagen müssen. Doch weil es die letzte Antwort war, schloss sein Regierungssprecher Steffen Hebestreit die Pressekonferenz unmittelbar im Anschluss. „Kommen Sie gut nach Hause.“ Hebestreit hatte entweder nicht zugehört, was Abbas sagte, oder es nicht verstanden. Gleich schlimm. Jedenfalls ließ er dem Kanzler keine Zeit zu reagieren, nicht mal eine kurze Nachdenkpause. Und der, etwas überrumpelt, fügte sich drein, als wäre er an diesem Ort nicht der Chef im Ring. Er gab dem Gast zum Abschied sogar noch die Hand und schimpfte erst hinterher, als die Kritik immer lauter wurde, per Twitter über das Gehörte: „Unsägliche Aussagen“.

Angela Merkel wäre das nicht passiert. Sie war gerade in solchen Pressekonferenzen hoch konzentriert und wusste immer genau, wo welche Fallstricke lauerten. Mehr als einmal hat sie ihren Gästen öffentlich widersprochen, höflich aber bestimmt. Und dabei hat sie sich nie durch ihren eigenen Sprecher bremsen lassen, der ebenfalls immer sehr aufmerksam war, um nicht zu sagen angestrengt. Zumal bei diesem Thema. Heute ist er Botschafter in Israel. Das war dann doch ein anderes Niveau.

Was man bei Olaf Scholz und seinem Adlatus Steffen Hebestreit gesehen hat, war nicht Unerfahrenheit. Beide sind seit vielen Jahren im politischen Geschäft. Es war mangelnde Souveränität und fehlender Instinkt. Immerhin haben beide ihren Fehler hinterher bereut. Es kann nur besser werden an der Spitze der derzeitigen Regierung.


Zur Person:

  • Der gebürtige Lohner Werner Kolhoff, 66.
  • Er hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet.
  • Außerdem war er Sprecher des Berliner Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.

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