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14 Tage Corona-Wahnsinn

Lockerungen? Öffnungen? Neue und schönere Messwerte? Die vermeintlichen Rettungsringe, mit denen die Politik um sich wirft, helfen dem ertrinkenden Bürger in der aktuellen Informationsflut wenig.

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Seit Veröffentlichung der neuen Corona-Verordnung für Niedersachsen vor knapp zwei Wochen herrscht helle Aufregung im Hühnerstall Oldenburger Münsterland. Der coronamüde Bürger schwimmt regelrecht in einer Informationsflut. Oder besser: in einer Reizüberflutung – irgendwo zwischen Lockdown und Lockerungen. Nun könnte man auf Rettungsringe hoffen, die uns von den Politikern zugeworfen werden. Nur landen die planlos-hektisch irgendwo im Wasser und sind nicht zielgerichtet.

1. Rettungsring: Die 7-Tagesinzidenz ist kein guter Richtwert

Es ist nun einmal so wie es ist - und das schon seit Monaten: Die Infektionszahlen bleiben im Oldenburger Münsterland auf einem hohen Niveau. Ganz besonders im Landkreis Cloppenburg. Und kaum sind Lockerungen in Sicht, da wird die Bewertungsgrundlage – die 7-Tagesinzidenz – von beiden Landräten in Zweifel gezogen, weil sie bei uns im Oldenburger Münsterland die Lockerungen vermasselt. Wie soll eine konkrete fundierte und für jedermann nachvollziehbare Bemessungsgrundlage denn aussehen? Das bleiben uns die Herren schuldig.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Althusmann hörte die Landräte und krakeelenden Unternehmerverbände. Er brachte einen bereits von Ministerpäsident Weil abgelehnten „gewichteten Risikowert” ins Spiel. Bei dessen Berechnung sollte auch die Belegung der Krankenhausbetten vor Ort berücksichtigt werden. Und schon hier beginnt der Fehler: Die Zahlen in den Krankenhäusern sind kein Frühwarnwert der Infektionslage. Sie sind ein Ergebnis. Wenn auf den Covid-Stationen Alarmstufe Rot herrscht, ist es längst zu spät für eindämmende Maßnahmen. Die 7-Tagesinzidenz – so unpopulär allein der Begriff nach einem Jahr Pandemie auch wurde – ist ein wissenschaftlich erstellter Wert: Die Neuinfektionen innerhalb von 7 Tagen, umgerechnet auf die Einwohnerzahl. Das ist zwar sehr mathematisch und starr fixiert - aber eben für jeden nachvollziehbar. Wenn auf lokaler Ebene die Infektionslage mit weiteren Aspekten bewertet soll, so fehlt es auch nach über einem Jahr Pandemie an einheitlichen Standards als Bewertungsgrundlage.

Dass die 7-Tagesinzidenz sehr wohl ein Gradmesser für die Infektionslage sein kann, hat der Landkreis Cloppenburg doch selbst erfahren müssen. Während der 1. Welle im Frühjahr 2020 blieb der Wert niedrig. So niedrig, dass man sich verwundert die Augen rieb. Umso schneller schoss die 7-Tagesinzidenz bei der 2. Welle ab September in die Höhe. Und es ist leider festzuhalten: Es gibt aktuell 136 Todesfälle im Landkreis - während der 1. Welle mit niedrigen Infektionszahlen gab es keinen einzigen.

Die Cloppenburger Kreisverwaltung räumte während der 2. Welle doch selbst ein: Ab einer 7-Tagesinzidenz von über 50 sei es schlicht nicht mehr möglich, die vollständige Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten. Aus diesem Grund wird auch nicht die vom Robert-Koch-Institut empfohlene Teststrategie im Landkreis Cloppenburg umgesetzt - Kontaktpersonen außerhalb des Haushalts werden nicht abgestrichen, weil die Arbeitsbelastung in den Gesundheitsämtern zu hoch sei. 

2. Rettungsring: Alles Aufmachen, aber mit Ausgangssperre

Allein die Kombination klingt doch paradox. Gastronomen und Einzelhändler dürfen öffnen, der Bürger soll aber gleichzeitig prophylaktisch zwischen 21 und 5 Uhr in den eigenen vier Wänden eingeschlossen werden. Der Vorschlag stammt von den kommunalen Spitzenverbänden – wohl auch deshalb, weil viele Bürgermeister und Landräte schon jetzt ahnen: Das Verharren in den Lockdown-Maßnahmen wie im Oldenburger Münsterland droht schon sehr bald auch vielen anderen Landkreisen bei den aktuell steigenden Zahlen. Nach nur ein paar Wochen müssten dann auch sie wieder die Geschäfte schließen.

Was soll dieser Vorschlag bringen? Die Infektionen im familiären / privaten Umfeld sind offenkundig ein Schwerpunkt – aber doch wohl nicht zeitlich begrenzt zwischen 21 und 5 Uhr. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber dann liege ich im Bett –  ohne haushaltsfremde Personen. Die staatlichen Kontrollmöglichkeiten enden vor den Haustüren. Das ist auch gut so. Aber gleichzeitig sollten wir uns vor Augen führen: Dass in den eigenen vier Wänden ein Infektionsschwerpunkt steckt, liegt an uns allen. Da kann man so oft fragen wie man will, woher die hohen Infektionszahlen kommen. Es lässt sich schlicht nicht beantworten – eben weil es hinter verschlossenen Türen passiert. Kleine Fahrlässigkeit bei den Verhaltensregeln haben in der breiten Masse eine große Wirkung.

3. Rettungsring: Das Tübinger Modell

Der CDU-Kreisverband will den Landkreis Vechta zu einem zweiten Tübingen machen: Alles öffnen, egal wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Aber mit kostenlosen und täglichen Schnelltests – als Eintrittskarte fürs Shopping, Kino, Theater und Restaurant. Das Konzept klingt toll, lässt sich aber nicht über das Oldenburger Münsterland stülpen.

Die Stadt Tübingen glänzt seit Wochen mit niedrigen Infektionszahlen, die wir im Oldenburger Münsterland nicht ansatzweise haben. Die Stadt Tübingen hat einen starken Partner: Ein ortsansässiges Biotech-Unternehmen unterstützt die stadteigene Schnellteststrategie. Den haben wir ebenfalls nicht. Überhaupt Infrastruktur: Die kommunalen Testzentren im Kreis Vechta bieten 4 Mal die Woche für jeweils 3 Stunden die Schnelltests an. In Tübingen ist man da weitaus besser aufgestellt. Das negative Testergebnis funktioniert als Tübinger Tagesticket obendrein nur digital – wollen wir jetzt über die digitale Infrastruktur im Oldenburger Münsterland sprechen? Für derartige Pilotprojekte und Experimente wird das Oldenburger Münsterland mit diesen Infektionszahlen wohl nicht infrage kommen. Das gleicht einer Operation am offenen Herzen.

Worüber reden wir angesichts der Lage eigentlich?

Überhaupt: Worüber reden wir hier im Moment eigentlich? Ob es uns gefällt oder nicht: Die 3. Welle ist schon längst da. Der Landkreis Cloppenburg gilt seit Freitag wieder als Hotspot. Die  7-Tagesinzidenz für ganz Niedersachsen ist innerhalb einer Woche von 72 auf 90 gestiegen. Der Trend ist deutlich: Kommende Woche könnte das ganze Bundesland zur „Hochinzidenzkommune” werden. Das mutierte Virus verbreitet sich schneller als die erste Version – und nur darauf müssen zügig Antworten gefunden werden. Die dauern aber offenkundig genauso lange wie die Nachweise in den Laboren. Öffnungen und Lockerungen sind zumindest keine logische Reaktion auf ein mutiertes Virus, das nicht nur ansteckender ist, sondern auch bei jüngeren Infizierten schwerere Krankheitsverläufe verursachen kann.

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