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Zukunftsmacherin: Mehr Kunst im Alltag ist Petra Huckemeyers Mission – nicht nur im Knast

Petra Huckemeyer hat als stellvertretende Leiterin der Frauen-JVA in Vechta die Einrichtung auch zum wichtigen Ort der Kultur gemacht. Dazu gehört eine Vorgeschichte in Oldenburg – im Männergefängnis.

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Kunst ist allgegenwärtig: Petra Huckemeyer, stellvertretende Leiterin der Frauen-JVA, zeigt in ihrem Büro eine Skulptur, die von einer Inhaftierten geschaffen wurde. Foto: Tzimurtas

Kunst ist allgegenwärtig: Petra Huckemeyer, stellvertretende Leiterin der Frauen-JVA, zeigt in ihrem Büro eine Skulptur, die von einer Inhaftierten geschaffen wurde. Foto: Tzimurtas

Eine Szene aus den späten 1970er Jahren: Eine Studentin, die einen Praktikumsplatz im Männergefängnis in Oldenburg erhalten hat, muss sich dort am ersten Tag diese Frage anhören: „Warum sind Sie denn nicht im Kindergarten?“

Es waren nicht Gefangene, sondern Bedienstete, die so reagierten, als Petra Huckemeyer sich vorstellte. Es gab damals zwar Frauen, die in Justizvollzugsanstalten für Männer beschäftigt waren. Aber sie waren deutlich in der Minderheit. Petra Huckemeyer gehörte bald dazu.

Gefangenenzeitung, Sportverein, Theater: Huckemeyer sorgte für Veränderungen

Die Diplompädagogin, die seit 1994 stellvertretende Leiterin der Frauen-JVA in Vechta ist, erhielt 1985 ihre erste Dienststelle im Männervollzug – in Oldenburg. Wie später in Vechta, wo das Frauengefängnis durch sie auch ein wichtiger Ort der Kultur wurde, sorgte sie zunächst in Oldenburg für Veränderungen.

„Ich hatte das Gefühl, da täte ein bisschen Farbe ganz gut“, sagt sie. Eine ihrer ersten Initiativen: Sie brachte mit Inhaftierten eine Gefangenenzeitung mit dem Titel „Trotzdem“ heraus. Einer der Gefangenen, den sie als „Künstler“ bezeichnet, gestaltete die Titelblätter. Später gab es auch den Sportverein „SV Trotzdem“.

Ein weiteres Projekt: Ein Theaterstück („Drei Bäume, drei Träume“) hat sie mit den Gefangenen geschrieben – und mit der Hilfe "von unglaublich engagierten Ehrenamtlichen“. Das Stück wurde in der JVA aufgeführt, war Teil des Programms des Oldenburger Kultursommers.

Huckemeyer hat die Gabe, Menschen zu überzeugen

Auch eine Lesung mit Gedichten von Heinrich Heine und Kurt Tucholsky, von Klaviermusik begleitet, veranstaltete sie im alten Kirchenraum des Gefängnisses. Petra Huckemeyer rezitierte selbst einige Werke, weil der Schauspieler ausgefallen war.

„Jetzt flippt sie aus.“ So hätten Bedienstete zunächst reagiert, als sie davon sprach, den musikalischen Literaturabend organisieren zu wollen. Es gelang ihr auch diesmal, Zweifel auszuräumen. Petra Huckemeyer hat die Gabe, Menschen zu überzeugen und zu begeistern, ungewöhnliche Wege zu gehen – damit es mehr Farbe gibt. „Ich glaube, ich kann die Leute ganz gut mitnehmen“, sagt sie. Und: „Es sind immer nur Einladungen.“

Networking – in den 1980er Jahren so wichtig wie heute

Hilfreich waren Petra Huckemeyers gute Kontakte zur Kulturszene in Oldenburg. Sie lud unter anderem zu Ausstellungen zu sich nach Hause, war Statistin am Staatstheater gewesen. Und sie kümmerte sich lange mit einer Jugendkonzertprogrammgruppe um die Jugendkonzerte im Großen Haus des Theaters.

Schon damals sei Networking „das Zauberwort“ gewesen, um Dinge zu verändern und etwas zu bewegen. Dennoch: Wer unkonventionelle Ideen vorbringe, dürfe nicht davon ausgehen, „dass 99 von 100 Personen das klasse finden“, sagt sie. Trotz des Netzwerkes gelte: Wenn die Idee in die Tat umgesetzt werde, bewege man sich ohne Netz, „weil offen ist, wie es angenommen wird“. Wie sie selbst von anderen gesehen wird, das sei ihr „nicht wichtig gewesen“. Der Funke müsse überspringen.

Selbstvertrauen und Optimismus gaben die Eltern mit auf den Lebensweg

Woher hat sie dieses Selbstvertrauen? In ihrem Elternhaus habe sie „das ganz große Glück“ erfahren, mit diesem Gefühl aufzuwachsen: Es ist schön, dass es sie gibt. „Und dass das Leben lebens- und liebenswert ist.“ Sie sei eine Optimistin. Was sie selbst Schönes als Kind erfahren habe, das habe sie versucht, auch an ihre Kinder weiterzugeben. Sie ist Mutter eines 27-jährigen Sohnes und einer 24-jährigen Tochter.

Petra Huckemeyer wurde 1958 in Varel geboren, „am Jadebusen“, wie sie hervorhebt. Später habe sie „6 wunderbare Kindheitsjahre“ in Haselünne im Emsland verbracht. 1969 zog sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Oldenburg, machte ihr Abitur an der Cäcilienschule, in jener Zeit eine Mädchenschule.

Ursprünglich wollte sie nach der 10. Klasse zur weiblichen Kriminalpolizei, die es damals noch gab. Ihren Vorstellungstermin im Auswahlverfahren musste sie aber absagen, sie hatte einen schweren Unfall. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Apothekenhelferin. Danach nahm sie das Studium der Diplom-Pädagogik auf – in Oldenburg, wo sie auch ihren „Freund, Dauerverlobten und heutigen Ehemann“ kennengelernt hatte.

Der ursprüngliche Berufswunsch: Polizistin

Ein Job bei einer Versicherungsfirma und die Aussicht auf eine Stelle brachte sie dazu, einige Semester Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dann aber habe sie die Pädagogik „wieder eingeholt“. Der Justizvollzug war ihr Berufsziel, sie nahm mehr Praktikumsstellen an, als im Studium erforderlich waren. In der Männer-JVA in Oldenburg sei sie zudem „als Ehrenamtliche hängengeblieben“, beim Besuchsangebot für Untersuchungsgefangene.

Es dauerte „ein bisschen“, bis sie dort ihre erste Dienststelle als Sozialarbeiterin antreten konnte, als eine von drei Frauen unter den Bediensteten, doch schon ein Jahr darauf war sie Personalratsvorsitzende. Später wurde sie mit vollzuglichen Aufgaben in der Abteilung in Delmenhorst (die heute zur JVA-Vechta gehört) betraut, war auch Suchtbeauftragte.

Wie empfand sie die Arbeit als Frau im Männerknast? Gab es bedrohliche Situationen? Nur von einer weiß sie zu berichten, bei der sie einen Bediensteten zu Hilfe holte, weil ihr der Aufenthalt eines Gefangenen in ihrem Büro nicht ganz geheuer war. Ansonsten galt: Sie habe sich als die am besten behütete Frau in Oldenburg gefühlt. Auch Inhaftierte hätten aufgepasst, dass ihr und ihren Kolleginnen nichts passiert.

Frauen im Vollzugsdienst waren zunächst selten, heute sind die Stellen nahezu paritätisch besetzt

„Es gibt viele Gründe, warum Menschen im Vollzug sind“, sagt sie. Und sie habe „ganz schnell gelernt“, was die gesetzliche Vorgabe bedeutet, dass der Vollzug die Aufgabe hat, die Sozialverträglichkeit der Inhaftierten wieder herzustellen, um neue Straftaten zu verhindern. Überhaupt: Dass schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken ist, diese Passage im Gesetz sei für sie „die Initialzündung“ gewesen, in den Vollzugsdienst zu gehen.

Frauen waren in diesem Berufsfeld damals selten. Doch das habe sich aufgrund einer fortschrittlichen Haltung des Landes schnell geändert. Diese „tolle Zeit“ habe sie miterlebt. Bald schon wurden auch große Männergefängnisse von Frauen geleitet. Heute gilt eine weitgehende paritätische Besetzung von Männern und Frauen bei den Leitungsstellen im Justizvollzug.

In Oldenburg habe sie viel in Bewegung bringen können, „dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt sie. Sie habe viel Unterstützung von ihrer Abteilungsleiterin, vom Anstaltsleiter, den Kolleginnen und Kollegen und Ehrenamtlichen erfahren.

1991 ging es nach Vechta

Im Jahr 1991 wechselte sie zur Frauen-JVA nach Vechta, 3 Jahre später wurde sie stellvertretende Leiterin, war von 2003 bis 2005 auch Interimschefin. Petra Huckemeyer hat die Entwicklung des einzigen Frauengefängnisses in Niedersachsen, das im weiblichen Jugendvollzug auch aus Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein Inhaftierte aufnimmt, wesentlich mit vorangebracht.

Die Frauen-JVA mit einer Außenstelle in Hildesheim (seit 2004), ist stetig gewachsen, nicht nur was die Standorte angeht, sondern auch die Möglichkeiten. So wurde beispielsweise 1996 ein Haus für den offenen Vollzug eingerichtet. Heute besteht das Leitungsteam aus Oliver Weßels und den zwei stellvertretenden Leiterinnen Petra Huckemeyer und Dr. Katharina Tebben.

Auch mit Blick auf Vechta sei sie „sehr dankbar“. Dafür, „dass ich in den vergangenen 30 Jahren dazu habe beitragen können, nicht nur die Wände, sondern auch den Vollzugsalltag ein bisschen bunter werden zu lassen.“

Im Herbst 1993 startete die Kunstreihe ARTi.G.

Das klingt bescheiden. Huckemeyer war es aber, die die Frauen-JVA zum viel beachteten Haus des regionalen Kulturlebens zu etablieren – und Kunst in den Vollzugsalltag zu integrieren. Im September 1993 startete sie die Ausstellungsreihe „ARTi.G. – Kunst im Gefängnis“, die mit der aktuellen 125. Auflage endet. Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und dem benachbarten Ausland stellten ihre Bilder und Skulpturen aus, ein Fünftel der vier Ausstellungen pro Jahr wurde von den inhaftierten Frauen gestaltet.

Und das gehörte auch zur Arbeit an der Resozialisierung. „Das Erfolgserlebnis ist möglicherweise Impulsgeber für ein neues Selbstwertgefühl – und das ist grundlegend für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.“ So schreibt es Petra Huckemeyer in dem Katalog „Aufbruch – Übergänge – Wendepunkt“, der einen Überblick zur Geschichte von „ARTi.G.“ gibt und Essays zur Kunsttherapie beinhaltet.

Von den etwa 4500 Inhaftierten in Niedersachsen beträgt der Anteil an Frauen gut 5 Prozent

Da die meisten der Künstlerinnen und Künstler eines ihrer ausgestellten Werke der JVA überlassen haben, ist hier Kunst allgegenwärtig. Bedienstete können sich ein Bild oder eine Skulptur aus der Sammlung im Depot für ihren Arbeitsplatz ausleihen. Petra Huckemeyer verwaltet das Angebot per Zettelkasten. Kunst bildet zugleich „einen nicht unerheblichen Bestandteil der anstaltsinternen Angebote“, wie es in Petra Huckemeyers Katalogtext weiter heißt.

Sie legt zudem Wert darauf, dass die Öffentlichkeit diese Fakten kennt: Von den etwa 4500 inhaftierten Personen in Niedersachsen beträgt der Anteil an Frauen gut 5 Prozent. Die meisten von ihnen seien ersatzweise für eine Geldstrafe in Haft, weil sie den Betrag nicht aufbringen können. Tagessätze von 5 Euro seien am häufigsten. „Das heißt: Eine Frau, die 50 Euro nicht aufbringen kann, geht 10 Tage in Haft“, sagt Petra Huckemeyer. Viele Frauen seien wegen Drogendelikten im Gefängnis, die oft auf Missbrauchserfahrungen zurückzuführen sind. Frauen, die wegen Betrugs- oder Tötungsdelikten einsitzen, seien statistisch deutlich seltener.

Das hat Petra Huckemeyer auch Besuchergruppen immer wieder berichtet, etwa im Rahmen der Führungen unter dem Titel „Klosterkirche und Konvent oder in den Katakomben von Vechta“. Zum Programm gehörte auch ein Gang in den Totenkeller, wo Mönche des ehemaligen Franziskanerklosters begraben sind. Die zur JVA benachbarte Klosterkirche ist Teil derselben und ebenfalls ein Ort der Kultur in Vechta geworden – durch die Initiative Petra Huckemeyers.

Eine weitere Herzensangelegenheit ist der Erhalt der Klosterkirche

Das Gotteshaus aus dem Jahr 1731 war lange in einem schlechten Zustand und verursachte hohe Kosten. Als die Klosterkirche nach dem Willen des Justizministeriums ans Liegenschaftsamt des Landes zurückgegeben werden sollte, gründeten Oliver Weßels und Petra Huckemeyer mit Gleichgesinnten im Juli 2006 einen Förderverein zur Renovierung der Klosterkirche und zum Ausbau einer kirchlich kulturellen Begegnungsstätte.

"Ich habe alles als Petra Huckemeyer erreicht.“Petra Huckemeyer

„Wir haben in 7 Jahren 700.000 Euro bewegt“, sagt Petra Huckemeyer. Die Kirche sei wieder in einen guten Zustand versetzt worden, mit neuer Heizung, neuen Fenstern und frisch gestrichenen Wänden. „Das ging, weil ganz viele mitgemacht haben“, sagt Petra Huckemeyer. Das seien Bürgerinnen und Bürger, Banken, Institutionen und Einrichtungen vor Ort gewesen. Spenden wurden bei Konzerten in der Klosterkirche mit Chören, Solisten und Ensembles gesammelt. Auch Kunstaktionen und ein Buch gab es.

Nach 10 Jahren sei der Verein aufgelöst worden. „Ich bin ein Fan vom Anfang – und vom Ende“, sagt Petra Huckemeyer. Worte, die sie auch auf den Schlusspunkt bei der Ausstellungsreihe „ARTi.G.“ bezieht.

Welche Rolle spielte es bei all ihren Projekten, eine Frau zu sein? Gab es Hürden in ihrer Karriere, die Männern nicht im Weg stehen? Hat sie als Frau vielleicht auch Vorteile gehabt, um etwas zu erreichen? „Ich habe alles als Petra Huckemeyer erreicht“, lautet ihre Antwort. Das wäre aber nicht möglich gewesen ohne „den Ehemann, den ich habe“.

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