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Zerrissen

Kolumne: Auf ein Wort – Der Ukrainekrieg dauert an und die Frage nach Waffenlieferungen aus Deutschland geht weiter. Doch haben Waffen die Welt je wirklich friedlicher gemacht?

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Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, ob es richtig ist, die Ukraine mit Waffen zu versorgen, Waffen aus Deutschland. Ich gehöre der Generation an, die vor über 50 Jahren auf die Straße gegangen ist für: "Frieden schaffen ohne Waffen". Dieses Motto war nie falsch!

Und dann kommt der russische Präsident, mit allen, wirklich allen Vollmachten ausgestattet, dass ihn niemand aufhalten kann, und marschiert in die Ukraine ein. Verzeihung, nicht er selbst, den Kopf halten seine Soldaten hin. Die Ukraine soll "entnazifiziert" werden.

Hallo, geht‘s noch? Das kann man doch nicht einfach durchgehen lassen. Da muss sich die Ukraine doch wehren dürfen. Klein gegen Groß. Und weil Klein gegen Groß kaum eine Chance hat, stellt sich die westliche Welt an die Seite der Ukraine. Wir unterstützen euch, ja, auch mit Waffen.

Nun beginnt das Dilemma. Wir stöhnen über den russisch-orthodoxen Patriarchen, der Herrn Putin seinen Segen gibt, ein Land zu überfallen, das sich der dekadenten westlichen Welt anschließen will. Hat dieser Patriarch ein anderes Neues Testament als ich? Und steht in diesem Neuen Testament nicht, dass ich meine Feinde lieben soll? Also, Herr Patriarch, das ist doch wohl deutlich! Und während ich das Verhalten des Patriarchen verurteile, es ist nicht biblisch!, wird in mir die Frage wach: Ist es denn biblisch, wie die Vorsitzende der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands) sich verhält? Sie persönlich hält die Waffenlieferungen an die Ukraine für richtig.

"Ja, es gab immer einen, der sich Sieger nannte. Aber verloren haben sie alle."Jörg Schlüter

Der Kopf fragt: Wie soll das denn gehen, Jesu Worte von der Feindesliebe umzusetzen? Sollen die Ukrainer den Russen Tür und Tor öffnen? Muss man sich nicht wehren, wenn man angegriffen wird, wenn der Große den Kleinen überfällt? Würde man Herrn Putin nicht geradezu ermuntern, Russland gen Westen auszudehnen, wenn man ihm nicht auch mit Panzern Einhalt gebietet?

Das Herz sagt: Schau auf die Kriege, die die Menschen geführt haben. Ja, es gab immer einen, der sich Sieger nannte. Aber verloren haben sie alle. Millionen ließen ihr Leben. Haben Waffen die Welt wirklich friedlicher gemacht? Immer hatten zum Schluss Tod und Trauer das Sagen. Liebet eure Feinde. Ich habe keine Antwort darauf, wie das im Ukrainekrieg gehen kann. Haben die Drähte der Diplomatie wirklich geglüht? Ich weiß es nicht und ich kann wohl ehrlich zugeben, dass ich manche politischen Mechanismen nicht durchschaue.

Als Christ aber stelle ich für mich fest. Ich kann auch ideell nicht an der Spirale der Gewalt mitdrehen. Keine Waffen. Das ist meine ganz persönliche Einstellung. Ich verliere aber nicht den Respekt vor denen, die anders denken als ich. Und die Menschen in der Ukraine? Es zerreißt mich.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher.
  • Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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