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Zeitzeugin schreibt gegen das Vergessen an

Nur wenige Menschen haben noch lebendige Erinnerungen an den Krieg. Die 90-jährige Paula Pille ist eine von ihnen.

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Fotoalbum hilft beim Erinnern: Paula Pille schreibt einen Bericht über ihre Jugend während des Krieges. Foto: Meyer

Fotoalbum hilft beim Erinnern: Paula Pille schreibt einen Bericht über ihre Jugend während des Krieges. Foto: Meyer

Morgens, sagt Paula Pille, habe sie immer die besten Gedanken. Vor ihrem geistigen Auge ziehen dann Bilder aus ihrer Kindheit und Jugend vorbei. Schöne Erlebnisse sind darunter, aber auch einige dunkle. Die gebürtige Calhornerin hat sich entschlossen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. "Damit sie nicht vergessen werden", sagt die 90-Jährige.

Regelmäßig arbeitet Pille, die seit neun Jahren im St.-Leo-Stift in Essen lebt, an ihrem Manuskript. Natürlich schreibt sie alles per Hand auf. Geschludert wird nicht. Ihre feine Schrift soll auch für andere gut lesbar sein. Ordnung spielte überhaupt eine große Rolle in ihrem Leben. Als Haushälterin stand sie ihrem Bruder, der nach dem Krieg Priester wurde, viele Jahre hindurch treu zur Seite.  Nach dessen Tod arbeitete die gelernte Hauswirtschafterin in ihrem angestammten Beruf weiter. 

Geprägt wurde Paula Pille aber durch die frühen Jahre. Als jüngstes von elf Kindern war sie zwar Enge und Verzicht gewohnt. Die große Kinderschar sei jedoch – anders als heute – etwas völlig Normales gewesen, sagt sie. Auch der Tod gehörte dazu. Kurz vor Kriegsbeginn starb Paulas ältester Bruder an Gehirnbluten. "Er wurde 26 Jahre alt und war Vaters Stütze." Wenige Wochen später, am frühen Morgen des 1. September 1939, holte ein Nachbar die Eltern aus dem Bett. "Er rief, dass Krieg sei und er einberufen wurde." Eine Viertelstunde zuvor hatte Hitler den Angriff auf Polen verkündet. "Ich konnte mit meinen 8 Jahren die Tragweite dessen, was da passierte, noch nicht verstehen", sagt Paula Pille. An das Donnern der Kanonen, das vom Schießplatz im Emsland bis nach Cahlhorn hinüberdrang, erinnert sie sich aber noch sehr genau. Die erste Kriegsweihnacht fiel für die kleine Paula jedoch "gar nicht so mager" aus. "Ich bekam eine schöne große Puppe." 

Schicksal von Anne Frank bewegt

Das meiste konnte sie erst später einordnen. "Am 10. Mai 1940", schreibt Pille, "hörte man wieder ein Donnern im Westen. Die Wehrmacht marschierte unter schwerem Geschütz in Holland ein." Dass der Krieg von Deutschland ausging und von Anfang an auch gegen die Juden gerichtet war, ist der Calhornerin heute stets bewusst. So beschäftigt sie das Schicksal der fast gleichaltrigen Anne Frank, deren letzte Leidensstation, das Konzentrationslager Bergen-Belsen, sie irgendwann besuchte. "Ich war entsetzt über die Massengräber, die aussahen wie Kartoffelmieten. 2000, 5000, 10.000 Tote waren hier begraben."

Doch davon ahnte das junge Mädchen zu Beginn der 1940er Jahre nichts. Der Krieg schränkte das Leben schnell ein. "Wer die neuen Verordnungen nicht befolgte, wurde hart bestraft". Schwarzschlachten etwa war streng verboten. Sogar die Zentrifuge des Butterfasses mussten die Eltern abgeben. "Zum Glück besaßen wir noch eine alte und konnten weiter Butter machen." Nachdem der Hauptlehrer an die Front musste, hatte die übrig gebliebene Lehrerin alle acht Klassen allein zu unterrichten. "Es gab viel Hausarbeit", erinnert sich Pille. "Außerdem mussten die Kinder Heilkräuter sammeln und trocknen." Im Geschichtsunterricht fand die Ideologisierung statt.  "Wenn ein besonderer 'Nazi-Tag' war, mussten wir uns an der Fahnenstange aufstellen. Mit erhobenem Arm sangen wir dann das Horst-Wessel-Lied."

1941 wurde der ältere ihrer drei übrig gebliebenen Brüder eingezogen. "Ich hatte noch nie gesehen, dass mein Vater die Pferde anspannte. Um es ertragen zu können, suchte er Arbeit. Mein Bruder ging über die Diele, ein kurzes 'Auf Wiedersehen' von beiden Seiten. Ich begriff es nicht." Der Bruder kehrte schwer verwundet aus dem Krieg zurück. "Er hat oft über seine Erlebnisse erzählt", sagt Paula Pille. Ein weiterer Bruder fiel. 

Bombenangriffe nehmen im Laufe des Krieges zu

Je älter das Mädchen und der Krieg gemeinsam wurden, desto stärker überwiegen die schlimmen Eindrücke. Nächtliche Bombenabwürfe versetzten Paula in Angst und Schrecken. "Es fiel wie Feuer vom Himmel." Deutlich erinnert sie sich an eine Schar kanadischer Fallschirmjäger, die bei Bevern gefangengenommen wurde. "Die Deutschen haben sie nicht gut behandelt. Das hat mich damals empört." Schlimm sei die Zeit gewesen, mit nichts zu vergleichen, betont Pille. Die heutigen Katastrophen nimmt sie dagegen gelassen hin. Die Corona-Einschränkungen etwa kann sie verschmerzen. "Ich bin es gewohnt, für mich zu sein."

Die Aufarbeitung ist noch nicht beendet. Ein Fotoalbum hilft Paula Pille, sich zu erinnern. Im St.-Leo-Stift freuen sie sich über ihren Eifer. "Sie ist so beeindruckend", sagt Einrichtungsleiter Franz-Josef Ferneding. Die Gelobte lächelt kurz ... und schreibt weiter. 

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