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Wo sind denn all' diese Leute abgeblieben?

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Worin liegt der aktuelle Mangel an Arbeitskräften begründet? Liegt es an der Work-Life-Balance? Oder am Bürgergeld? Oder sind viele generell erschöpft?

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„Aufgrund von Personalmangel am Sonntagabend nicht geöffnet!“ – Schade, unser Lieblingsrestaurant war offenbar auch von der Riesenwelle erfasst worden, die einen Großteil der früher so fleißig tätigen Servicekräfte hinweggespült hat. Wir drehten enttäuscht ab und sinnierten beim Weiterschlendern darüber, wo denn all diese Leute abgeblieben sind, die doch bis zum Auftreten von Corona und des öffentlichen „Blackouts“ noch da waren?

„Wahrscheinlich fahren sie jetzt alle für Amazon“, mutmaßte die beste Ehefrau von allen. Über enge Kontakte in die einschlägige Szene war ihr zugetragen worden, dass die Mitarbeiter dieses Großkonzerns neuerdings eindeutig besser gekleidet seien und noch höflicher aufträten: „Ach, nehmen Sie doch ein weiteres von diesen hübschen Paketen. Gerne empfehlen wir Ihnen auch unseren Rücknahmeservice…“

"Die Arbeitsstelle soll sich dem eigenen Lebensgefühl anpassen sowie gutes Geld bringen."Andreas Kathe

Bekannte wollten allerdings gehört haben, dass die Hauptursache für das Personalloch eine nur allzu menschliche Regung ist, die mit der neudeutschen Wortschöpfung „Work-Life-Balance“ umschrieben wird. Diese Regung bestehe aus folgenden Komponenten: Die Arbeitsstelle soll sich dem eigenen Lebensgefühl anpassen sowie gutes Geld bringen. Leider, beklagten besagte Bekannte, bedeute dies, dass solcherart balancierende Personen weder am Wochenende noch zu ungünstigen Tagesrandzeiten beruflich tätig sein möchten.

Oder, auch das ist eine These: Viele warten lieber auf das neue Bürgergeld. Nein, nein, wir schüttelten die Köpfe. Nach den großspurigen Ankündigungen und der anschließenden Verwässerung riechen solcherart ausgeschüttete öffentliche Zuwendungen dann doch zu verhartzt.

Ein letzter Versuch: Die Menschen sind generell erschöpft. Viele, auch das gehört zur Wahrheit, sind oder werden nach wie vor krank. Corona und die Folgeerscheinungen sind noch längst nicht gewichen.

Hinzu kommen Krieg, Inflation und kalter Kachelofen. Zu viel auf einmal für manche Gemüter, die sich zuvor noch allabendlich mit dem wohligen Gefühl ins Bett kuschelten, für den Rest ihres Lebens würde die Sonne der Sorglosigkeit scheinen. Pustekuchen. Jetzt liegt eine bleierne Schwere über allem, die Knochen fühlen sich selbst bei jungen Leuten an wie alt und müde.

Mag alles sein – und: Gut dann bleibt das Restaurant an diesem Sonntagabend eben zu. „Zu Hause isst es sich ja auch sehr gut“, sagte ich so vor mich hin. Die Ehefrau lächelte. Ein Malteser-Wagen raste vorbei. Blaulicht und Sirene. Irgendwie hörte sich das wie ein Weckruf an.


Zur Person:

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage.
  • Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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