Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Wo die Pandemie zur besonderen Last wird

Für die Familie Grambke aus Haverbeck ist die Pandemie eine sehr große Herausforderung. Denn: Mathis und Carolin leiden als Autisten sehr unter dem Wegfall der Alltagsstrukturen.

Artikel teilen:
Entspannung beim Spaziergang: Besonders gravierende Folgen hat die Corona-Pandemie für (von links) Carolin, Bianca, Mathis, Ulrich und Melissa Grambke. Inzwischen ist ein Stück weit Normalität zurückgekehrt. Foto: Grambke

Entspannung beim Spaziergang: Besonders gravierende Folgen hat die Corona-Pandemie für (von links) Carolin, Bianca, Mathis, Ulrich und Melissa Grambke. Inzwischen ist ein Stück weit Normalität zurückgekehrt. Foto: Grambke

Viele Menschen leiden unter den Konsequenzen der Vorgaben zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Ihr Leben hat sich komplett umgekrempelt. Schulen sind geschlossen, die Arbeit wird ins Homeoffice verlagert, gewohnte Strukturen im täglichen Leben sind nur noch höchst eingeschränkt existent. Soziale Kontakte brechen ab oder müssen zumindest in großem Maß vernachlässigt werden.

Mancher ist an seiner Belastungsgrenze angelangt, unter anderem dann, wenn er sich plötzlich neben seiner eigenen beruflichen Tätigkeit auch noch in der Rolle des Lehrers wiederfindet, weil sich seine Kinder im Homeschooling befinden.

Corona hat der Familie in besonderem Maße zugesetzt

Zu den Familien, die ganz besonders von der sich dramatisch gewandelten Lebenswirklichkeit betroffen sind, gehört die Familie Grambke aus dem Dammer Ortsteil Haverbeck. Sie steht ohnehin vor großen Herausforderungen, die sich aber mit Beginn von Corona zu einem riesigen Berg aufgetürmt haben. Denn 2 der 3 Kinder Bianca und Ulrich Grambkes haben Autismus mit geistiger Beeinträchtigung. "Bei Mathis und Carolin ist der Pflegeaufwand sehr groß", sagt Bianca Grambke.

Die Geschwister benötigen nicht nur bei fast allem im alltäglichen Leben Hilfe, sondern – ganz wichtig – auch regelmäßige Therapieanwendungen. Aber: Ergotherapie, Logopädie, die Physiotherapie und Autismustherapie sowie die Freizeitgestaltung an einem Nachmittag durch eine Betreuerin, die als feste Bezugspersonen eine große Bedeutung für Mathis und Carolin besitzt, sind über lange Zeit weggefallen.

Hinzu kam, jedenfalls bis zum Beginn der Osterferien: Der 14-Jährige und seine 2 Jahre jüngere Schwester haben die Elisabethschule Vechta, ein Förderzentrum mit den Schwerpunkten Lernen, Sprache und geistige Entwicklung, lediglich sehr eingeschränkt besuchen können. In den Zeiten vor Corona befanden sich die Geschwister wie die anderen Kinder und Jugendlichen auch zwischen 8 und 15 Uhr in der Schule.

Mathis und Carolin mussten ins Szenario B wechseln – und waren viel zu Hause

Das änderte sich für die Grambkes und die Eltern der anderen Kinder und Jugendlichen mit gravierenden Folgen. So waren Mathis und Carolin im vergangenen Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie 2 Monate komplett zu Hause und wechselten danach ins Szenario B. Sie besuchten die Schule wegen der Teilung ihrer Klassen in dieser Zeit in der einen Woche an 3 Tagen von 8 bis 12.25 Uhr sowie an 2 Tagen bis 15 Uhr. In der anderen Woche blieben sie zu Hause. Nach den Winterferien nahmen die Eltern die Notbetreuung in Anspruch, sodass in der schulfreien Woche mittwochs und donnerstags die Schule besucht werden konnte.

Das Aufbrechen der für die beiden Kinder gewohnten festen und überaus wichtigen Alltagsstrukturen habe gerade für Mathis erhebliche Konsequenzen gehabt, sagt Ulrich Grambke. Denn er sei nicht in der Lage, sich alleine zu beschäftigen. Er könne nicht aus eigener Initiative heraus spielen. Daher benötige er die besondere Aufmerksamkeit.

"Das tut mir natürlich im Herzen weh."Mutter Bianca Grambke zu den Zeiten, in denen sie ihrem Sohn keine Aufmerksamkeit schenken kann

Können seine Eltern ihm die nicht zuteilwerden lassen, weil sie gerade wichtige Aufgaben erledigen müssen, sitzt der 14-Jährige in seinem Bälle-Bad. "Das tut mir natürlich im Herzen weh", sagt Bianca Grambke. Und sie hat festgestellt, welche Spuren die weggefallenen Möglichkeiten der Beschäftigung und Therapien für ihren Sohn gehabt haben. Er zeige vermehrt bestimmte Handlungen, die er immer wieder auf dieselbe Art und Weise wiederholt – Fachleute sprechen von stereotypischen Verhaltensweisen.

Auch bei Carolin kam es zu Veränderungen. Eine Lehrerin habe ihnen berichtet, die 12-Jährige habe Auffälligkeiten gezeigt. Die Ursache sei wohl die fehlende Struktur des Schulalltags, vermutet Ulrich Grambke, der Angestellter des Andreaswerks Vechta ist.

Die Familie Grambke freut sich über Licht am Ende des Tunnels

Immerhin leuchtet inzwischen ein bisschen Licht am Ende des Tunnels. Denn seit dem Wiederbeginn des Unterrichts nach den Osterferien besuchen Mathis und Carolin die Schule wöchentlich montags bis donnerstags, jeweils von 8 bis 13.10 Uhr, und nehmen dann dort auch am Mittagessen teil. Freitags sind sie von 8 bis 12.25 Uhr vor Ort. Auch die Therapien sind nun wieder wöchentlich möglich. Zwar befindet sich die Schule noch im Szenario B, aber aufgrund des Autismus von Mathis und Carolin können sie die Notbetreuung in der schulfreien Woche nun täglich in Anspruch nehmen. "Es kehrt eine gewisse Regelmäßigkeit ein, die die Kinder brauchen", sagt Ulrich Grambke.

Eine gewisse Erleichterung bedeutet das aber auch für ihn und seine Frau, die als Buchhalterin im Homeoffice arbeitet. Nun findet sie auch tagsüber Zeit, ihre Aufgaben zu erledigen. In der Vergangenheit kam sie oft erst dazu, wenn ihre Kinder im Bett waren. Häufig machte sie erst spät am Abend Feierabend.

"Die Treffen mit meinen Klassenkameraden fehlen mir sehr, bei den sozialen Kontakten geht durch die corona-bedingten Einschränkungen ganz viel verloren."Melissa Grambke, Mathis und Carolins Schwester

Doch nicht nur Mathis und Carolin sind von den Folgen der Corona-Pandemie direkt betroffen. Auch ihre Schwester Melissa, Mathis' Zwillingsschwester, leidet. Die Realschülerin ist seit dem 18. Dezember nicht mehr in der Schule gewesen. Sie hat bis zu 6 Videokonferenzen in der Woche, montags erhält die 8. Klässlerin wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ein Paket mit Schulaufgaben. "Die Treffen mit meinen Klassenkameraden fehlen mir sehr, bei den sozialen Kontakten geht durch die Corona-bedingten Einschränkungen ganz viel verloren", sagt die 14-Jährige. Gerne würde sie mit ihrer Familie in den Urlaub fahren oder vielleicht einfach mal nur zum Shoppen gehen. Darauf allerdings wird die Jugendliche noch warten müssen.

Ihr Vater hat einen anderen Wunsch: Die außergewöhnliche Situation der Familien mit behinderten Kindern sollte deutlicher im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Aber auch die Kinder und Jugendlichen im Homeschooling sollten nicht vergessen werden. Zum Glück seien viele pflegende Angehörige mittlerweile geimpft worden. Auch Bianca Grambke kann an diesem Freitag ihren ersten Impftermin wahrnehmen.

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Wo die Pandemie zur besonderen Last wird - OM online