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"Wir definieren Freiheit anders"

Der christliche Glaube gibt auch in Krisenzeiten Festigkeit, sagt Pastor Heinrich Zelmer. Von Corona hätten sich die Mitglieder  seiner Gemeinde jedenfalls nicht unterkriegen lassen.

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"Check In" am Kircheneingang. Pastror Heinrich Zelmer (rechts) und Alexander Eisinger haben sich auf die Coronavorschriften eingestellt. Foto: Meyer

"Check In" am Kircheneingang. Pastror Heinrich Zelmer (rechts) und Alexander Eisinger haben sich auf die Coronavorschriften eingestellt. Foto: Meyer

Was treibt  „besorgte Bürger“ auf die Straße? Weshalb haben Verschwörungstheorien zurzeit so einen Zulauf? Und warum fühlen sich Menschen durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in ihrer Freiheit bedroht? Die Bilder von den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen haben auch Heinrich Zelmer bewegt. Der Pastor der Emmanuel-Christengemeinde in Lindern antwortet zurückhaltend. „Wir definieren Freiheit anders.“ In den vergangenen Monaten hat seine Gemeinde gezeigt, was sie darunter versteht.

Der Lockdown ab März brachte auch das Kirchenleben zum Stillstand. Allerdings nur kurz. „Wir wollten uns von Corona nicht beeindrucken lassen und nahmen uns daher vor, möglichst alle geplanten Veranstaltungen online durchzuführen“, berichtet Zelmer. Die überwiegend jungen Gemeindemitglieder warfen ihr technisches Können zusammen und sorgten innerhalb weniger Wochen dafür, dass Gottesdienste und Andachten per Video-Stream übertragen wurden. Seine Predigten hielt Zelmer auch aus dem eigenen Wohnzimmer heraus - für den Pastor eine ungewohnte Erfahrung. Gern sei er mit der Kamera nach draußen gegangen. „Auf freiem Feld fiel mir das Sprechen leichter.“

Mitglieder blieben trotz Kontaktsperre bei der Stange

Der Aufwand lohnte sich, die Mitglieder blieben trotz der Kontaktsperre bei der Stange. „Die Anzahl der Gottesdienstteilnehmer war so hoch wie sonst auch“,  erklärt Gemeindemitarbeiter Alexander Eisinger. Auch die Kleingruppenarbeit konnte auf diese Weise stattfinden. Über Kanäle wie youtube und Instagram wurden vor allem die Jüngeren erreicht. „Wir haben viel gelernt und einiges davon wird auch nach Corona bleiben“, ist Eisinger überzeugt.

Längst dürfen in dem ehemaligen Bekleidungshaus wieder Gottesdienste gefeiert werden, jedoch unter strengen Auflagen. So müssen sich die Besucher zuvor anmelden. Beim „Check in“ hinterlassen sie ihre Anschriften. Saaldiener begleiten sie anschließend zu ihren Plätzen. Der Ablauf hat sich inzwischen eingespielt. Erkrankt sei, soweit er wüsste, niemand, sagt Heinrich Zelmer. Aus seiner Zeit als Online-Prediger hat er überdies gelernt, sich „ein wenig kompakter“ zu fassen. Dauerten die Gottesdienste früher schon einmal bis zu zwei Stunden, ist jetzt nach spätestens 90 Minuten Schluss.

Virtuelle Welt kein Ersatz für die reale Begegnung

Bei allen positiven Erkenntnissen: Ein Ersatz für die reale Begegnung sei die virtuelle Welt nicht, betonen Zelmer und Eisinger. Zumal viele Menschen sich den Kirchen abwenden. Die Orientierungs-Lücke, die dadurch entstehe, werde von anderen gefüllt, sagt der Pastor mit Blick auf die Corona-Proteste. Denn ein jeder habe das Grundbedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Die Kirchen müssten deshalb wieder deutlich machen, dass ihre Botschaft Halt gebe. „Der Glaube ist Sinn stiftend, macht innerlich frei und erschöpft sich nicht nur auf das Diesseits“, erklärt der Theologe. Mit der Abwesenheit von Ordnung habe das aber nichts zu tun.

Um als Mensch und Christ „zu reifen“, wie es Zelmer nennt, hat die Gemeinde kürzlich ein neues Projekt gestartet. Interessierte, die mehr über die Bibel und den Glauben wissen möchten, können sich auf einen sogenannten „Entwicklungspfad“ begeben, der auch das Thema Freiheit aufgreift. Die Nachfrage sei gut. Die Teilnehmer stammen häufig aus dem Freundes- oder Kollegenkreis von Gemeindemitgliedern. Sie fühlten sich von deren Verhalten angezogen, weiß Zelmer und hat dafür eine einfache Erklärung. „Es ist der Glaube. Er macht den Unterschied.“

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