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Kolumne: "Auf ein Wort" – Thema: Die "Müdigkeitsgesellschaft" lässt selbst an den Feiertagen keine Pausen zu. Dabei sollten wir uns gerade an Weihnachten Zeit für unsere Mitmenschen nehmen.

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Vor etlichen Jahren hat der Sänger Tim Bendzko das Lebensgefühl einer rastlosen Generation auf den Punkt gebracht. Das Lied heißt "Nur noch kurz die Welt retten". Es ist ein Song, der überhaupt nicht nach Kirche schmeckt; auch nicht nach Weihnachten. Der Text ist dennoch ein adventlicher Weckruf für alle, die so viel zu tun haben, dass sie am Leben vorbeileben. Stellen Sie sich einen vielbeschäftigten Ehemann vor, der seine Liebsten zu Hause wieder einmal mit dem Essen warten lässt. Er hat ja so viel Wichtigeres zu tun und sagt: "Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg’ ich zu dir. Noch 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert."

Für den deutsch-koreanischen Philosophen Byung-Chul Han gehört dies zu den Symptomen der modernen "Müdigkeitsgesellschaft". Darunter versteht er eine Welt, die völlig überdreht ist und keine Pausen zulässt – nicht einmal an den Feiertagen. Kurz vor Weihnachten hat die Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts ergeben: Viele Menschen, die im Bürodienst tätig sind, bleiben auch über die Weihnachtstage für ihre Vorgesetzten oder die Kundschaft erreichbar.

Dafür mag es gute Gründe geben. Aber für eine Mehrheit der Befragten scheint die Erreichbarkeit ein inneres Bedürfnis zu sein. Sie checken aus eigenen Antrieb mehrfach täglich ihre dienstlichen Mails. Ist das ein Problem? Im Einzelfall sicherlich nicht. Auf Dauer kann diese Haltung zu einer Fehlhaltung werden. Die ewige Rufbereitschaft ist nicht gesund. Die medizinischen Folgen dieser Dauerbelastung sind mittlerweile gut erforscht.

"Wer mit einem Auge immer sein Display im Visier hat, ist für sein Gegenüber im Wohnzimmer nicht wirklich präsent."Pfarrer Dr. Marc Röbel

Auch die Beziehungen und Begegnungen der Weihnachtstage dürften darunter leiden, wenn Menschen buchstäblich nicht abschalten können. Wer mit einem Auge immer sein Display im Visier hat, ist für sein Gegenüber im Wohnzimmer nicht wirklich präsent. Die Aufmerksamkeit ist blockiert.

Die nächste Mail könnte wichtiger sein als das Gespräch, das wir gerade führen oder die Geschenke, die wir auspacken. Darum lautet meine Geschenk-Idee zu Weihnachten: Machen Sie ein Zeit-Geschenk! Viele werden es nicht schaffen, die Feiertage ganz von beruflichem Mailverkehr freizuhalten. Aber wir könnten Zeit-Zonen reservieren – für die Menschen, die uns wichtig sind. Familientreffen zu Weihnachten können anstrengend sein.

Aber sie können auch ein Übungsfeld werden. Ein östlicher Meister hat es sinngemäß einmal so gesagt: "Du willst wissen, ob du erleuchtet bist? Verbringe 14 Tage mit deinen Verwandten." So lange muss es nicht dauern. Für kleine innere "Highlights" genügen schon einige Stunden: Sich an Weihnachten erinnern lassen, dass der Sohn Gottes auch im Menschen an meiner Seite präsent ist. Und selbst präsent sein, also aufmerksam, interessiert, zugewandt. Das ist das größte Geschenk. Denn nur wer präsent ist, wird auch für andere zum "Präsent".


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld und des St. Antoniushauses in Vechta.
  • Sie erreichen ihn unter redaktion@om-medien.de

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