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Wir brauchen dringend Orientierung

Gästebuch: Alles ist gelb – die Menge der aus dem Boden sprießenden Narzissen hat etwas von Massenpflanzhaltung. Schöner aber als ein Wahnsinniger, der uns mitten in Europa in die Steinzeit bombt.

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„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick, im Tale grünet Hoffnungsglück.“ Johann Wolfgang von Goethes Osterspaziergang aus Faust I fasst wie kein anderes Werk die Gefühle an diesem Wochenende in Worte: Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn. Wir feiern auch und ertrinken dabei in Gelb. Narzissen ohne Ende wohin man blickt sprießen aus dem fruchtbaren Boden des Oldenburger Münsterlandes.

Oh ja, Frühling ist da. Schöne Blütenpracht. Aber irgendwann wird’s langweilig, eintönig. Wer hat eigentlich diese Massen in die Böden gesetzt? Und warum keine anderen Farben? Sie sind ja geduldig, die gelben Blumen. Blühen, verwelken und verschwinden. Und nächstes Jahr sind sie wieder da, als wenn nichts gewesen wäre. Leider ein bisschen viel Massenpflanzhaltung. Manchmal geht uns das Maß verloren.

Ansonsten gibt es ja wenig Erfreuliches in dieser rauen Zeit. Die Seuche lässt uns nicht los und wird wohl Teil unseres Lebens. Normalität? Was ist das? Die Politiker vermasseln die Impflicht. Die queren Ignoranten stimmen Jubelgesänge an. Und ein Wahnsinniger bombt uns mitten in Europa in die Steinzeit. Irgendwo hatte hier jemand die russische Flagge gehisst. Und anderswo kritzelte einer ein „Z“ auf ein Ortsschild. Ein Buchstabe, der seit dem Ukraine-Krieg zur Strafbarkeit führen kann, wenn damit der Krieg verherrlicht wird.

"Russlanddeutsche" besteht aus "Russland" und "Deutsche"

Na klar, sagen die Besserwisser, unsere russlanddeutschen Freunde sind Putin-Fans und für den Krieg. Die waren das. Mag sein, aber dennoch etwas kurz gedacht. Von wenigen Hardlinern abgesehen, verbindet uns doch alle das Entsetzen über die rohe Gewalt in einem Krieg ohne Sinn und Verstand. „Russlanddeutsche“ besteht aus „Russland“ und aus „Deutsche“. Plötzlich sind sie, unsere neuen Nachbarn, irgendwie in einen Krieg „verwickelt“, mit dem sie rein gar nichts zu tun haben und auch nichts zu tun haben wollen.

Aber es sind eben auch ihre Landsleute, die täglich sterben, von denen die meisten nicht einmal wissen, wofür. Eine gnadenlose Propaganda hämmert es in die Köpfe im gesamten Oldenburger Münsterland. „Russia today“ gibt den Ton vor, und für viele ist der TV-Sender auch hier die einzige Informationsquelle. Die Schüsseln sind gen Osten gerichtet. So werden Brüder auf ihre Brüder gehetzt, indem man sie als Nazis verunglimpft.

„Wir leben nebeneinander her in unseren Blasen und schreien uns stumm.“Otto Höffmann

Wir brauchen dringend Orientierung. Die Sprachlosigkeit ist verheerend. Wir leben nebeneinander her in unseren Blasen und schreien uns stumm. Wo sind die Menschen, wo die Institutionen, die uns symbolisch an die Hand nehmen. Wo die Eliten, wo die Kultur? Wir sind kein homogenes Oldenburger Münsterland, mit vielen Gemeinsamkeiten unter einem Dach. Uns eint weder eine gemeinsame Sprache noch eine gemeinsame Kultur, uns eint kein gemeinsamer gesellschaftlicher Kodex und keine gemeinsame Religion, uns eint keine gemeinsame Geschichte, und viel zu selten eint uns eine gemeinsame Gegenwart.

Als nach dem letzten großen Krieg, von dem wir glaubten, so etwas gebe es nie wieder, Tausende Vertriebene nach Bösel oder Bevern, nach Bunnen oder Barßel kamen, dachte man auch, das schaffen wir nicht. Zumal die meisten evangelisch waren, was wir hier bis dato nicht kannten. Wir glaubten ja, es existiere nur die katholische Religion. Und doch: Wir haben es geschafft. Und das darf uns auch ein bisschen stolz machen und Ansporn sein.

Zum Schluss darf der osterspaziergehende Dichterfürst nochmals zu Wort kommen: „Ich höre schon des Dorfs Getümmel, hier ist des Volkes wahrer Himmel. Zufrieden jauchzet Groß und Klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!“ Frohe Ostern!


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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