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Wie psychisch Erkrankte in Lastrup ihren Alltag erleben

Sie fühlen sich ausgegrenzt und stigmatisiert. Menschen mit psychischen Problemen werden in der Gesellschaft zu wenig gehört. Ein Betroffener und sein ehemaliger Betreuer fordern Veränderungen.

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Finden offene Worte (von links): Carsten Frank, Andrea Poppe-Aumüller, Marina Mende (Gruppe Zuversicht), Sergej Gareis (Gruppe Zuversicht) und Franz-Josef Wilken. Foto: Poppe-Aumüller

Finden offene Worte (von links): Carsten Frank, Andrea Poppe-Aumüller, Marina Mende (Gruppe Zuversicht), Sergej Gareis (Gruppe Zuversicht) und Franz-Josef Wilken. Foto: Poppe-Aumüller

Wie psychisch Erkrankte ihren Alltag erleben, haben die Teilnehmer einer Gesprächsrunde im Lastruper St.-Elisabeth-Stift erfahren. Auf Einladung der Selbsthilfegruppe "Zuversicht" berichtete Carsten Frank über seinen jahrzehntelangen Kampf und die Hilfe, die er bekam, um sein Leben schließlich in den Griff zu bekommen. 

"Ich habe mir die Krankheit nicht ausgesucht", betont Carsten Frank. 30 Jahre lang machte er immer wieder Erfahrungen mit der Psychiatrie. Dass er schließlich einen Weg gefunden hat, mit der Erkrankung umzugehen, habe auch an Menschen wie Franz-Josef Wilken gelegen, der Frank lange Zeit betreute. "Er hat mich an die Hand genommen und mir ganz praktisch dabei geholfen, den Alltag zu meistern". Nach und nach entwickelte Frank einen wohlwollenden Umgang mit sich selbst. Die wichtigste Botschaft, die Wilken ihm vermittelt habe: "Ich bin gut, wie ich bin und niemand hat das Recht mich runterzumachen." Als Carsten Frank kürzlich wieder in eine Depression hineingeriet, stand ihm sein ehemaliger Betreuer erneut zur Seite, obwohl er inzwischen im Ruhestand war.  

Corona hat Arbeit der Selbsthilfegruppen behindert

Psychisch Erkrankte brauchen Unterstützung. So lautete die Botschaft des Tages. Benötigt würden mehr ambulante Wohnbetreuungen und vor allem einfühlsame Menschen, die den Betroffenen dabei helfen, ihre Strukturen nach einer akuten Krise wiederzufinden und danach nicht wieder zu verlieren, erklärt Franz-Josef Wilken und berichtet: "Sie wieder auf die Füße zu stellen, scheitert oft an den alltäglichen Problemen." Für Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Taschengeld oder auch einfach nur die Körperpflege gibt es für psychisch Erkrankte keine Therapieempfehlungen. Von einer stationären Behandlung oder dem Einsatz von Medikamenten hält Wilken in den meisten Fällen wenig. Stattdessen müssten die Betroffenen ihre Lebensgewohnheiten ändern. "Heilung heißt auch zuhören und Verständnis zeigen, Menschen aus der Isolation herausholen, sie begleiten und ihnen eine Sicherheit vermitteln", sagt er. Gerade während der Corona-Pandemie seien jedoch viele Menschen im Stich gelassen worden, auch weil viele Selbsthilfegruppen lange Zeit nicht zusammenkommen durften.

Das Bild der Gesellschaft gegenüber psychischen Erkrankungen hat sich zwar schrittweise gewandelt. Trotzdem würden Betroffene und auch ihre Angehörigen noch vielerorts stigmatisiert, weiß Andrea Poppe-Aumüller. Die Leiterin der VHS-Kontaktstelle für Selbsthilfe in Cloppenburg verweist auf die Reformziele der Psychiatrie-Enquete von 1975. Sie strebten bereits vor fast 50 Jahren eine gemeindenahe Versorgung, die Enthospitalisierung von Langzeitpatienten und die Gleichstellung psychischer und körperlicher Erkrankungen an. Wie weit es bis heute damit gekommen ist, diskutieren die Mitglieder der Selbsthilfegruppe alle 14 Tage im St.-Elisabeth-Stift. Mit Veranstaltungen und Infoständen auf Märkten wirkt die Gruppe Stigmatisierungen entgegen. "Aufklärung tut Not" findet auch Andrea Poppe-Aumüller. "Diese Krankheit kann wirklich jeden Menschen treffen. Das muss auch jedem klar sein", sagt sie.

  • Info: Wer sich der Selbsthilfegruppe "Zuversicht" anschließen oder sich über andere Selbsthilfegruppen informieren möchte, kann sich bei der Kontaktstelle für Selbsthilfe melden (Telefon 04471/185872;   info@selbsthilfe-cloppenburg.de).

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