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Wie eine Flüchtlingsfamilie das Corona-Schuljahr erlebt

Die Sehnsucht nach normalem Unterricht ist bei den Kindern besonders groß. Aber: Ameerah und Atheer Bakr sind fleißig. Sie möchten auf das Gymnasium.

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Lernen gern (von links): Die Geschwister Ameerah, Freal und Atheer Bakr. Foto: M. Niehues

Lernen gern (von links): Die Geschwister Ameerah, Freal und Atheer Bakr. Foto: M. Niehues

Am meisten vermisst er seine Freunde. "Ich bin in Gruppe B. Und in A sind fast alle", sagt Atheer Bakr. Aber der 9-Jährige ist froh, dass er trotz Corona überhaupt zur Schule darf. Er besucht die 4. Klasse der Liobaschule in Vechta und hat jetzt Wechselunterricht. "Eigentlich sind wir 9. Aber 2 sind jetzt in Quarantäne", sagt er. "Ich mache lieber Hausaufgaben als Homeschooling." Denn nur so könnten ihm die Lehrer die Aufgaben erklären. "Das ist viel besser", sagt er mit leuchtenden Augen.

Beim Homeschooling, als die Schule ganz geschlossen war, habe er hingegen nur einmal wöchentlich Aufgaben aus der Einrichtung abholen können und ohne Hilfe eines Lehrers lösen müssen. Beim ersten Lockdown habe es nicht einmal diese Aufgaben gegeben. Das sei nicht immer einfach gewesen, berichtet der 9-Jährige. "Zu Hause war's auch langweilig. Ich lerne lieber", betont er.

2017 kam die Familie aus dem Irak nach Deutschland

Atheer hat vieles erlebt. Der jesidische Kurde ist als Flüchtlingskind 2017 mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland gekommen und sofort eingeschult worden, ohne jegliche Deutschkenntnisse. Heute ist er schulisch erfolgreich und sogar so gut, dass ihm seine Lehrer empfohlen haben, das Gymnasium zu besuchen.

Auch seine Schwester Ameerah besucht die 4. Klasse und hat ebenfalls Wechselunterricht, allderdings an der Marienschule in Oythe. "Ich mag Mathe. Aber in meinem Lieblingsfach, in Deutsch, bin ich auch ganz gut", sagt die 12-Jährige mit einem freudigen Lächeln und berichtet, dass im Moment das Indianer-Buch "Fliegender Stern" durchgenommen wird. Nach jedem Kapitel müssten Fragen beantwortet werden. "Das macht mir Spaß", sagt sie. Auch Ameerah hat sich für das Gymnasium angemeldet. Sie weiß genauso wie ihr Bruder, dass ein guter Abschluss wichtig für die Zukunft ist.  

Die 19-jährige Freal managt das Leben von 2 Familien

Diese Haltung vermittelt hat den beiden ihre älteste Schwester Freal. "Das ist der Unterschied zum Irak", erklärt sie. Dort könne man auch ohne Schulabschluss einen Beruf ergreifen, in Deutschland nicht. Freal ist 19 Jahre alt und trägt von allen Geschwistern die größte Verantwortung innerhalb der Familie. Sie spricht am besten die deutsche Sprache, erledigt für die Eltern deshalb Behördengänge, versucht den jüngeren Geschwistern die Hausaufgaben zu erklären und passt auf, dass diese regelmäßig auf Servern der unterschiedlichen Schulen hochgeladen oder per Mail verschickt werden. Das alles erledigt sie mit einem Lächeln, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. So hat sie ein sorgsames Auge auf insgesamt 5 Kinder und Jugendliche. Denn auch Cousins und Cousinen leben als zweite Familie im selben Haus. Zugleich ist die 19-Jährige um ihren eigenen Schulabschluss bemüht.

Im Alter von 13 Jahren flieht sie – zunächst ohne ihre Eltern

Schon früh lastete auf Freals Schultern viel Verantwortung. Während die Eltern wegen der noch sehr kleinen anderen Kinder trotz der Kriegswirren weiterhin im Irak ausharrten, wagte sie als 13-Jährige an der Seite ihres damals 25-jährigen Cousins die Flucht. Weitgehend zu Fuß, aber auch im Bus, machten sie sich über die Türkei und Bulgarien auf den wochenlangen Weg nach Deutschland. Das gesamte Gepäck und das geliehene Bargeld wurden ihr in Bulgarien gestohlen. Irgendwann verlor sie auch ihren Cousin und musste sich alleine durchschlagen. Doch sie kam dennoch heil in Deutschland an. Verwandte holten sie in München ab und brachten sie zu ihrem Onkel nach Lohne. Erst später kamen die Eltern nach Deutschland nach.

Freal war 14, als sie in die sechste Klasse der Geschwister-Scholl-Oberschule in Vechta aufgenommen wurde. "Ich habe die 7. Klasse wiederholt, weil ich die Sprache noch nicht so gut konnte", berichtet die heute 19-Jährige. Über einen speziellen Kurs habe sie dann Schritt für Schritt Deutsch gelernt. "Die Lehrerin war toll. Ich habe immer noch Kontakt zu ihr", sagt sie dankbar. Über das Verständnis der Sprache habe sich auch die Freude fürs Lernen eingestellt, berichtet Freal. Für den Abschluss auf Anhieb habe es aber nicht gereicht. Die Lehrer hätten ihr geraten, den Hauptschulabschluss an der Justus-von-Liebig-Schule zu machen, weil dort zugleich auch der Zugang zum Beruf ermöglicht werde.

"Für mich ist Schule das Wichtigste. Ich möchte einen guten Abschluss haben, damit ich einen guten Job bekomme."Freal, 19 Jahre

"Ich bin sehr froh über die Entscheidung", sagt Freal. "Für mich ist Schule das Wichtigste. Ich möchte einen guten Abschluss haben, damit ich einen guten Job bekomme." Und Freals Traumjob ist Krankenschwester. "Das wollte ich schon als Kind immer werden", sagt sie. Begeistert ist sie auch von ihrem entsprechenden Praktikum im Vechtaer Marienhospital. Und deshalb möchte sie nach dem Hauptschulabschluss an der Justus-von-Liebig-Schule auch ihren Realschulabschluss machen, bevor sie mit der Ausbildung beginnt.

"Ich hoffe, im nächsten Jahr läuft es nicht so wie in diesem", sagt Freal und meint damit die Corona-Einschränkungen. "Denn wenn ich nicht so viel Schule habe, bekomme ich nicht so gute Noten", befürchtet sie. Gerade die des ersten Halbjahres seien aber entscheidend für ihre Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, ist ihr bewusst.

Behördenwege sind eine große Herausforderung

Und diese Erkenntnis trichtert sie ihren jüngeren Geschwistern ein, deren schulischer Start von Anfang an leichter war. Bei der Schullaufbahnempfehlung, die Atheer erhalten hat, ist "Gymnasium" angekreuzt. Auch Ameerah hat entsprechende Noten und soll das Gymnasium besuchen. Die schriftliche Anmeldung für beide Kinder stellt für die Familie aber eine hohe Hürde dar; wie so oft, wenn beispielsweise Behördenwege beschritten werden müssen. Dann ist wieder die große Schwester gefragt.

Beratungsprotokolle der Grundschulen, Geburtsurkunden mit Impfpass, Nachweise über die Schulbuchausleihe, alle Dokumente müssen vollständig sein. Auch die Ein- und Ausstiegspunkte für die Busfahrkarte sollen jetzt schon benannt werden. Freal muss das alles stellvertretend für die Eltern neben ihrem eigenen Schulbesuch mit Wechsel- und Onlineunterricht organisieren. Auf Anhieb ist ihr das nicht geglückt. "Falls die Unterlagen ein weiteres Mal unvollständig abgegeben werden, können wir die Anmeldungen leider nicht berücksichtigen", hieß es jetzt in einem Schreiben der Schule.

"Ich wünsche mir für meine Geschwister so sehr, dass es mit dem Gymnasium klappt."Freal, 19

Nicht nur die derzeitigen Corona-Bedingungen stellen also für Flüchtlinge eine Herausforderung dar. Betroffene erhalten aber in solchen Fällen zusätzliche Hilfe über ehrenamtlich tätige Flüchtlingshelfer der Stadt Vechta. Freal hat jetzt alle Unterlagen bei der zuständigen Helferin der Familie abgegeben. Diese hat schnell Kontakt mit der Schule aufgenommen. "Ich wünsche mir für meine Geschwister so sehr, dass es mit dem Gymnasium klappt", sagt sie. Große Pläne also.  

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