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Wie eine Alkoholerkrankung Leben zerstört

Sich eine Alkoholerkrankung einzugestehen ist der erste Schritt zur Besserung. Betroffene und Angehörige erzählen nun in einem Buch offen und ehrlich über ihre dunkelsten Tage.

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Wollen mit ihrem Buch wachrütteln: (von links) Monika Gerhards, Heinrich Bruns, Karin Evers, Willi Klein und Madlen Seelhoff. Foto: Alidini

Wollen mit ihrem Buch wachrütteln: (von links) Monika Gerhards, Heinrich Bruns, Karin Evers, Willi Klein und Madlen Seelhoff. Foto: Alidini

Willi Klein hatte alles im Griff. Das dachte er. Der Bramscher quälte sich zwar  jeden Tag zur Arbeit, weil er am Abend vorher getrunken hatte. Aber es ging irgendwie. Bis er irgendwann bei seinem Chef saß, der ihm eine Therapie "angeordnet" hat. Sein Umfeld wusste besser Bescheid, was mit ihm los war, als er selbst. 

Willi Klein hat seine Geschichte mit Unterstützung der Autorin Sonja Bullen aufgeschrieben – so wie 9 andere Alkoholabhängige und Angehörige. Sie alle verbindet, dass sie mithilfe der Organisation Kreuzbund zu einem Leben ohne Alkohol gefunden haben. Herausgekommen ist das Buch "Wachgerüttelt und trockengelegt".

Madlen Seelhoff, Referentin für Sucht und Psychiatrie, bezeichnet die Autorin Bullen als „Worthebamme“, die den roten Faden herausgearbeitet habe, die alle Schicksale verbinden:  Dass es sich um eine Krankheit handle und dass Betroffene lernen müssten, mit ihr umzugehen. Eine Alkoholabhängigkeit treibe sowohl die Betroffenen selbst, als auch die Angehörigen in eine schwierige, scheinbar ausweglose Lage.

Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit

 So wie Willi Klein, der erst durch die Kreuzbundgruppe mit der Krankheit klargekommen sei. Mittlerweile ist er seit 30 Jahren bei der Selbsthilfegruppe, die sich einmal in der Woche trifft. Für den 81-Jährigen sei es ein gutes Gefühl, unter Gleichgesinnten sitzen zu können. Seine Erkenntnis: "Es lohnt sich, trocken zu bleiben."

„Ich finde das Wort Alkoholiker sehr abwertend“, kritisiert Heinrich Bruns aus Cappeln. Die Menschen würden nämlich nicht wissen, was genau ein Alkoholiker sei. Der 73-Jährige ist seit 40 Jahren trocken, erzählt er. Bereits in jungen Jahren sei er mit dem Alkohol in Verbindung gekommen. "Wo du hinkamst wurde gefragt: ,Was soll ich dir anbieten?'". Bier und Schnaps zu jeder Tageszeit. Mit 15 Jahren in der Lehre immer wieder die Aufforderung der älteren Gesellen: "Trink doch einen mit!"

"Bei 1,5 Promille konnte ich mich am besten konzentrieren."Heinrich Bruns (Cappeln)

Heinrich Bruns wurde Spiegeltrinker. Er brauchte Alkohol, um den Tag zu bestehen. "Bei 1,5 Promille konnte ich mich am besten konzentrieren. Im Alter von 36 Jahren zog er einen Schlussstrich. „Mit dem heimlichen Trinken kommt das Unheimliche", weiß er heute.  

Auch die Angehörigen leiden massiv

Aus einer anderen Sichtweise berichtet die Angehörige Karin Evers aus Langförden. "Wir haben unser Haus verloren und hatten nichts mehr." ihr Mann war immer "auf Tour". Immer wieder musste sie ihn abholen, einmal mit 3,2 Promille. Der Wendepunkt für ihren Mann: Eine Nacht in der Ausnüchterungszelle der Polizei. Und ihr eigener Neuanfang: Die Koffer ihres Mannes vor der Tür und die spätere Vereinbarung, die bis heute gilt: „Wenn du eine Flasche trinkst, stehen deine Koffer vor der Tür.“ 2013 gründet sie eine Angehörigengruppe. „Die Alkoholiker bekommen eine Therapie. Die Angehörigen werden übersehen“, sagt sie.

Betroffene sollten die Reißleine ziehen, wenn sie merken, dass sie den Alkohol bewusst einsetzen, um eine positive Stimmung zu bekommen und ohne nicht mehr auskommen könnten, rät Monika Gerhards, 1. Vorsitzende des oldenburgischen Kreuzbundes. Es gebe genügend Ansprechpartner, die Gefährdete im Internet finden könne und mit denen sie telefonisch und auch bei einem persönlichen Treffen reden könnten. 

Kreuzbund will Mut machen

Der Kreuzbund habe sich zusammengeschlossen, um offen und ehrlich über die Sucht sprechen zu können. Die Gruppe sei „ein großer Marktplatz voller Möglichkeiten, bei dem man aufgefangen werden kann“, sagt Monika Gerhards. „Normale Freunde, die nicht suchtkrank sind, können nicht so ganz empfinden, wie es ist, abhängig zu sein“, findet Gerhards.

Mit dem Buch über die 10 Schicksale möchte der Kreuzbund Mut machen, sich der Erkrankung zu stellen und entsprechende Gruppen zu besuchen, sagt Madlen Seelhoff. Willi Klein sieht das auch so: „Wenn ich berichte, dann mit meinem Namen, damit andere sehen, dass Menschen hinter den Geschichten stehen und es nichts Ausgedachtes ist.“

Info: Das Buch „Wachgerüttelt und Trockengelegt“ kostet fünf Euro plus Porto und ist erhältlich bei: Karin Evers, Tel. 04447/8247, E-Mail: karin.evers@evers-schalung.de. Unterstützt wurde das Projekt von den Krankenkassen IKK und AOK sowie der Josef-Neumann-Stiftung.

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