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Wie ein Virus die Kirche fit macht

Körperliche Nähe und persönliche Kontakte gehörten bislang selbstverständlich zu Gottesdiensten. Doch Corona hat in der Kirche viel unmöglich gemacht. Die Folge: ein Lernprozess.

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Am Anfang fehlte was, sagt Albert Lüken. Der Kaplan vermisst die großen Gottesdienste, die durch Corona ausfallen müssen. Aber: Er hat sich arrangiert. Foto: Archiv/M. Niehues

Am Anfang fehlte was, sagt Albert Lüken. Der Kaplan vermisst die großen Gottesdienste, die durch Corona ausfallen müssen. Aber: Er hat sich arrangiert. Foto: Archiv/M. Niehues

Albert Lüken trägt Priestergewand und Atemschutzmaske. Gerade hat er die Predigt gehalten, sprach von der Hoffnung, die jetzt so wichtig ist. Nun steht er am Altar, hebt mit beiden Händen die Hostie empor, bis auf Brusthöhe. Vorsichtig, fast träge macht er das. Rituale ist er gewohnt. „Seht, das Lamm Gottes“, ruft er den Messbesuchern entgegen.

Wenn katholische Priester wie Albert Lüken (34) die Messe feiern, sind alle Bewegungen, Haltungen, Texte streng geregelt. Bevor der junge Geistliche die Hostien an die Gläubigen verteilt, sie zur Kommunion bittet, reibt er sich routiniert die Hände ein. Zwei, drei Sprühstöße des Desinfektionsmittels aus dem blauen Plastikbehälter beim Altar müssen reichen. Die Atemschutzmaske und das Desinfektionsmittel sind in kurzer Zeit zu festen Bestandteilen der katholischen Messfeier geworden. Für Lüken sind Maske und Desinfektion einfach zwei neue Rituale.

"Wir sind kreativ geworden."Weihbischof Wilfried Theising

Wie Kaplan Albert Lüken aus Vechta geht es während der Corona-Pandemie vielen der rund 24.000 Seelsorger, die allein die katholische Kirche in Deutschland beschäftigt. Sie erleben gerade, wie das Virus die eingefahrenen Routinen der Kirche aufwirbelt, einer immerhin 2.000 Jahre alten Institution. Der Gottesdienst braucht Unmittelbarkeit und Nähe, damit die Gemeinschaft spürbar wird. Doch Nähe ist seit März verboten.

An volle Kirchen ist nicht zu denken

„Wir sind kreativ geworden“, sagt Weihbischof Wilfried Theising. Er ist Bischöflicher Offizial in Vechta und Mitglied  der Deutschen Bischofskonferenz. „Unsere Kirchengemeinden sind seit Monaten unter Handlungsdruck“, meint er zu den Corona-Abstandsregeln, die das übliche Gemeindeleben überall erschwert haben. Vielerorts hat das neue Energien geweckt, ist er überzeugt. „Es ist interessant, dass wir Christen gerade so viel experimentieren und Neues ausprobieren.“

„Da merkt man dann, dass unsere Gottesdienste eben nicht nur Gotteswerk sind, sondern auch Menschenwerk.“Albert Lüken, Kaplan in Vechta

Albert Lüken war anfangs eher enttäuscht, resigniert. Ihm fehlten die großen Gottesdienste, die feierliche Stimmung, wenn die Kirche dicht an dicht vollgepackt war. „Da merkt man dann, dass unsere Gottesdienste eben nicht nur Gotteswerk sind, sondern auch Menschenwerk.“ Die Stimmen der Anderen, die spürbare Gemeinschaft, das stärke den Glauben.

Unter Corona-Bedingungen passen in die St.-Georg-Kirche in Vechta noch rund 100 Gläubige. Jede 2. Bankreihe ist mit einem Seil abgesperrt, in den freien Reihen gibt es Markierungen für die Sitzplätze. Türsteher führen Namenslisten aller Messbesucher, so behält die Pfarrei den Überblick und kann eventuelle Infektionsketten nachvollziehen. Wenn die Gläubigen zur Messe kommen, hat das in Zeiten des Virus etwas von Verwaltung, ist irgendwie etwas Bürokratisches. „Normalerweise passen hier 500 Menschen rein“, sagt Albert Lüken.

Als klar wurde, dass Corona vorerst bleibt, kamen ihm die Ideen. So haben die Katholiken aus Vechta zusammen mit der evangelischen Gemeinde im Sommer schon einen Autokino-Gottesdienst auf dem Stoppelmarkt gefeiert – mit 400 Gläubigen in ihren Autos auf freiem Feld, mit Bühne und „ziemlich cooler Musik, die unser Beten begleitet hat“, sagt Lüken.

Pragmatische Notlösungen sind gefordert, weiß Weihbischof Wilfried Theising. Auch er hat sich einen Weg, mit Corona umzugehen, gesucht und gefunden. Foto: ArchivM. NiehuesPragmatische Notlösungen sind gefordert, weiß Weihbischof Wilfried Theising. Auch er hat sich einen Weg, mit Corona umzugehen, gesucht und gefunden. Foto: Archiv/M. Niehues

Und dann das digitale Angebot. Während des harten Corona-Lockdowns von März bis Mai gab es überhaupt keine öffentlichen Gottesdienste, auf einmal waren Internet-Messen unumgänglich. Viele Priester fingen an, sich selbst in der leeren Kirche und sogar im eigenen Wohnzimmer bei der Messe zu filmen und das über Youtube oder Facebook zu streamen.

In der Theologie gibt es den alten Gedanken, dass Priester stellvertretend für die Gläubigen beten, also auch für alle, die gerade nicht dabei sein dürfen. Doch dagegen protestierten im Frühjahr viele Theologen, immer wieder war von „Geistermessen“ die Rede.

Weihbischof Wilfried Theising findet den Begriff „unglücklich“, er spricht von einer „pragmatischen Notlösung“. Theising erinnert sich noch gut an die aufgeregte Theologen-Debatte: „Der Vorwurf war: Mit diesen Messen stellt Ihr den Priester wieder mal in den Mittelpunkt. Er feiert alleine die Messe, als wäre er ein besserer Christ. Und die Gläubigen sind verzichtbares Beiwerk.“ Digitale Kirche auf dem Rückzug ins Mittelalter?

Witze in der Predigt? Den Pfarrern fehlen die Rückmeldungen

Im Gegenteil, meint Kaplan Lüken. Die Livestream-Gottesdienste aus leeren Kirchen waren für ihn und andere, befreundete Priester eine „ganz wichtige Erfahrung für die Zukunft, wenn wir als Kirche in der modernen Welt überleben wollen.“ Während eines Gottesdienstes, gefilmt mit der Kamera im Gotteshaus ohne Messbesucher, fragte er sich einmal: „Wer hört mir eigentlich gerade zu? Und wer ist mit seinen Gedanken schon ganz woanders? Wäre jetzt in der Predigt vielleicht der richtige Moment, mal einen Witz zu machen?“ Doch da waren eben keine Gesichter, in die er während der Messe blicken konnte. Keine Reaktion, kein Feedback.

"Durch die Livestreams haben wir als Kirche gespürt, wie sehr unsere Priester auf die Rückmeldung der Gläubigen angewiesen sind. Wir halten die Messen ja nicht für uns selbst, sondern für die Menschen.“Weihbischof Wilfried Theising

Theologen beklagen immer wieder, dass gerade in der katholischen Kirche die Kommunikation eher vom Priester zu den Gläubigen geht – der Eine, der geweihte Amtsträger, verkündet, predigt, lehrt und die Anderen, die sogenannten Laien, hören zu, lassen sich berieseln. In der Kirche gebe es viele, die „in festen Vorstellungen verharren, den anderen nicht zuhören“, räumte selbst der Münchener Kardinal Reinhard Marx kürzlich ein.

„Durch die Livestreams haben wir als Kirche gespürt, wie sehr unsere Priester auf die Rückmeldung der Gläubigen angewiesen sind. Wir halten die Messen ja nicht für uns selbst, sondern für die Menschen“, sagt Weihbischof Wilfried Theising.

Krise rüttelt am Selbstverständnis der Geistlichen

Mittlerweile, Stand November, fragen sich viele Priester mehr denn je, wie sie bei den Gläubigen eigentlich ankommen. Und was diese jetzt brauchen, welche Wünsche es in der Gemeinde gibt. Hat Corona die Kirche also doch eher in die Zukunft geführt? Hin zu einer Kirche, in der Priester und Gläubige gleichrangige Christen sind statt Meister und Schüler? So gesehen hätten die Monate, in denen die Nähe fehlte, eine ganz neue Nähe zwischen Geistlichen und Gläubigen geschaffen.

Albert Lüken feiert auch jetzt noch Livestream-Gottesdienste, vor allem mit Jugendlichen. Die nutzen gern die Kommentar-Funktionen auf Youtube, Facebook oder Zoom. Manchmal schaut Lüken da rein, nach dem Gottesdienst. Da steht dann etwa: „Predigt war okay, etwas zu lang.“ Oder: „Gute Liedauswahl.“

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