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Wie ein Kind

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Meine Kindheit war schön katholisch. Dabei prägte mich auch die Krippe. Diese ist für mich etwas ganz Besonderes.

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Trotz Stress, Kommerz und Kitsch liebe ich Weihnachten. Vor allem wegen der wunderbaren alten Weihnachtsbilder. Bilder prägen sich oft tiefer ein als Begriffe und Begebenheiten. Bilder aus der Kindheit, die wir erinnern, sind wie ein Spiegel unserer Seele.

Denn wir erinnern nicht einfach, was passiert ist, wir erinnern, was zu uns passt. Was bis heute unseren Blick aufs Leben prägt. Meine Kindheit war sehr katholisch. Nicht streng, sondern schön katholisch.

Sie roch nach Kerzen und Weihrauch, schmeckte freitags nach Fisch und sonntags nach Braten. Tag, Woche und Jahr hatten einen Rhythmus, der in allem Wandel Beständigkeit versprach.

Meine Kindheit war von ganz vielen Bildern geprägt

Und meine Kindheit war voller Bilder. Über meinem Bett hing ein großes Kreuz. Aber das war kein Schreckensbild für den kleinen Jungen, der darunter schlief. Ich hätte es als Kind nicht so ausdrücken können, aber ich habe gefühlt, was dieses Bild zeigt: Du bist nicht allein, auch wenn die Welt dunkel und das Leben bitter wird.

Und im Wohnzimmer, in der besten holzgetäfelten Ecke, stand die Mutter mit dem Kind und zeigte: Alles Leben ist angenommen, auch deines. Zu Weihnachten wurde in der gleichen Ecke eine leuchtend bunte Krippe aus Papier aufgebaut: zu Mutter und Kind kamen musizierende Engel, Könige mit Kamelen und Elefanten, aber auch kleine Leute, Hirten mit ihren Schafen, und ein Hirtenjunge, in dem ich mich wiedererkannte.

Ich wurde älter, die Zeiten moderner. Der erste Fernseher verdrängte Maria aus der Wohnzimmerecke. Die Papierkrippe wurde ausgetauscht gegen eine nüchterne Tonfigur. Aber die alten Bilder blieben in mir.

"Das alte Kreuz hängt in meinem Arbeitszimmer. Und wir haben wieder eine leuchtend bunte Krippe. Nicht aus Papier, sondern aus Holz"Heinrich Dickerhoff

Und mit den Jahren und den eigenen Kindern kamen sie zurück in mein Leben. Das alte Kreuz hängt in meinem Arbeitszimmer. Und wir haben wieder eine leuchtend bunte Krippe. Nicht aus Papier, sondern aus Holz. Aber ebenso voller Leben und Wunder.

Und noch immer liebe ich Weihnachten. Nicht das Weihnachten, das der Weihnachtsmann verkörpert. Ich glaube nicht an eine Weihnachtsmann-Welt, in der wir ein Recht darauf haben, dass alle Wünsche erfüllt werden, aber schnell.

Wo das versprochen oder erwartet wird, in der Familie oder in der Politik, da ist Enttäuschung vorprogrammiert. Die weihnachtliche Wahrheit ist das Kind in der Krippe.

Wir staunen über das Christuskind und über sein Wunder

Wenn wir ein kleines Kind ansehen, erst recht, wenn es unser eigenes Kind oder Enkelkind ist, dann spüren wir, was das Leben ist. Dass wir es nur verstehen können, wenn wir es ansehen, wie wir ein Kind anschauen: staunend über das Wunder und dankbar für das Geschenk.

Und zugleich dafür verantwortlich, dieses Kind zu schützen. Nicht, weil es das verdient hätte. Sondern, weil es das braucht. So ist das Leben: Gabe und Aufgabe, Geschenk und Auftrag, Wunder und Pflicht. Nicht nur an Weihnachten. Aber die Weihnachtsbilder können uns besonders gut daran erinnern. Also dann: gesegnete Weihnachten.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent. Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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