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Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Inspiration für diese Kolumne lieferten Erling Haarland und Theodor Fontane. Das Thema? Verbenvielfalt.

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Erling Haarland und Theodor Fontane. Auf den ersten Blick haben Dortmunds milchgesichtiger Stürmerstar und der bedeutende deutsche Vertreter des literarischen Realismus wenig gemeinsam. Auf den zweiten auch. Dennoch waren beide mehr oder weniger Inspiration für diese Kolumne, in der es um Verbenvielfalt gehen soll – Anregung(en) für die nächste Scrabble-Runde inklusive.

Im kicker-Ticker zu einem BVB-Spiel – ich meine, es wäre das Pokalfinale gegen Rote Brause Leipzig gewesen – las ich: „Haaland büffelt los“ – und stutzte einen Moment lang. Wie, fängt der jetzt mitten auf dem Berliner Rasen an, die Taktik zu lernen? Nein, natürlich bezog sich „büffeln“ in diesem Kontext auf die dynamische, überfallartige Fortbewegungsweise des norwegischen Hünen. Hatte ich so nur noch nicht gehört. Ansonsten bedient sich der übliche Fußballreporter-Sprech ja gerne in der Abteilung Heimwerken. Da wird der Ball nicht einfach aufs Tor geschossen, sondern gezimmert, gehämmert oder genagelt. Ach ja, gelöffelt wird manchmal auch.

Aber wie kommt nun der von mir im schriftlichen Deutsch-Abitur erhoffte Endgegner Fontane (tatsächlich wurde es Kafka) ins Spiel? Nun, vor kurzem las ich seinen Roman „Frau Jenny Treibel“ (1892) – und musste alle paar Seiten das Buch beiseite legen, um mir unbekannte, aus der Sprachmode gekommene Wörter wie Insolenz, Philippika, Aplomb oder Impietät zu googeln. Und Verben wie proponieren (vorschlagen, beantragen), karessieren (liebkosen, schmeicheln) oder applanieren (einebnen, ausgleichen). Nervig, gewiss, aber auch aufschlussreich zu sehen, wie groß eigentlich unser Wortschatz ist – oder zumindest einmal war, als das Kotelett noch Karbonade hieß, Damen nicht dick, sondern ramassiert waren.

"Manche Verben sichern ihr (umgangs)sprachliches Überleben, indem sie in/von fremden Bereichen adaptiert werden – wenn auch mit anderer Bedeutung." Florian Ferber

Manche Verben sichern ihr (umgangs)sprachliches Überleben, indem sie in/von fremden Bereichen adaptiert werden – wenn auch mit anderer Bedeutung. Dengeln zum Beispiel meint ursprünglich ein Verfahren zum Schärfen einer Sichel oder Sense – eine Tätigkeit, die man als Zeitungsmensch eher selten ausübt. Dennoch wird auch in einer Redaktion zuweilen ein Text „zusammengedengelt“, also inhaltlich sinnvoll ins Seitenlayout übertragen und eingepasst. Und einige Kolleginnen und Kollegen „riemen“. Das heißt nicht, dass sie bevorzugt Gürtel tragen oder privat auf Bondage stehen, sondern umfangreiche Artikel verfassen.

Ab und an werden berühmte Personen mit einem eigenen Verb geadelt – wobei die Konnotation beim „Riestern“ und „Hartzen“ mittlerweile negativ ist. „Wallraffen“ dagegen hat sich in Skandinavien als Synonym für das (getarnte) Aufdecken von Missständen eingebürgert, aus Anerkennung für die Leistungen des Enthüllungsjournalisten Günter „Ali“ Wallraff („Ganz unten“). Auch Tiere – das Hamstern kam gerade in der Corona-Krise groß raus – und Gemüse (rumgurken) sind mitunter ververbt. Nicht zu vergessen die Neukreationen, zuweilen entstanden durch Versprecher – wie im vergangenen Jahr in der zum Saisonende 20/21 eingestellten Fußballshow „100 Prozent Bundesliga“ bei RTL Nitro. Dort stellte Moderator Thomas Wagner nach einem Interview seiner Kollegin Laura Wontorra mit dem damaligen HSV-Trainer Hannes Wolf fest: „Laura hat es ihm entleckt.“

Ich lasse mir zum Abschluss nun auch ein paar neue Verbideen entlecken. Wie würde man zum Beispiel die Unfähigkeit nennen, irgendeine Torchance im Fußball zu nutzen? Selken. Das permanente Unterbrechen von Gesprächspartnern, aber auch das beständige Stellen von Suggestivfragen könnte man als Lanzen bezeichnen. Schweigern böte sich als Alternative für Nuscheln an. Und wie heißt diese besondere ostdeutsche Sportart? Türringen. Ich wette, Erling Haaland würde beim Büffeln auch das hinkriegen.


Zur Person:

  • Florian Ferber ist Redakteur von OM Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per Mail an redaktion@om-medien.de.

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