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Wer rausgeht, lebt drinnen isoliert

Pflegepersonal im Spagat: Einsichtsfähigen Senioren darf der Ausgang nicht verwehrt werden, obwohl die Infektionsgefahr damit wächst. Ein Ethik-Rat aus drei Heimen hat nach Lösungen gesucht.

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Foto: dpa/Güttler

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Seit fast elf Wochen verzichten alte Menschen im Heim auf ein Grundrecht: sich frei zu bewegen. Denn alle Verfügungen zum Infektionsschutz haben zwar das Besuchsrecht radikal eingeschränkt, nicht aber die Selbstbestimmung der Senioren. Die Konsequenz: Wer mit klarem Verstand gehen will, könnte das tun, muss aber mit den Folgen leben. Denn „Freigänger“ leben isoliert auf ihrem Zimmer – zum Schutz aller Bewohner.

Nur zwei oder drei Freigänger bei 386 Bewohnern

In den drei katholischen Altenheimen in Cloppenburg, Emstek und Molbergen haben sich bisher nur zwei oder drei der 386 Bewohner für diesen Weg entschieden. Das berichteten die Stiftungsvorstände Matthias Hermeling (St. Pius) und Hermann Schröer (St. Antonius) bei einem Pressegespräch. Die übergroße Mehrheit der Senioren folgt nach wie vor dem dringenden Appell der Gesundheitsexperten und des Landkreises, das enge Umfeld nicht zu verlassen.

Weil jeder Außenkontakt das Risiko   einer eingeschleppten Masseninfektion unkontrollierbar erhöht, dringen die Heimleitungen auf den Ist-Zustand, auch wenn das zunehmend schwerer fällt.

„Das zerreißt uns: Unser Haus war immer offen. Das Besuchsverbot widerstrebt mir als Altenpfleger völlig.“Aloys Freese, Pflegedienstleiter Pius-Stift

Dringende Gründe, aber auch Grenzen des Drängens beschreibt zum ersten Mal in Nordwestdeutschland eine „ethische Orientierungshilfe“, die von den drei Altenheimen, ihren Mitarbeiterinnen   und dem Landescaritasverband für Oldenburg entworfen worden sind. Die Kernaussage des Papiers: Die alten Menschen sollen auf einer partnerschaftlichen Ebene – ohne „Amtsautorität“ – dazu ermuntert werden, „aus gelebter Solidarität“ zu ihren Mitbewohnern und dem Pflegepersonal auf den „Freigang“ zu verzichten, um sich und andere zu schützen.

Freies Personal aus Tagespflege-Einrichtungen für kleine Ausflüge

Das sei „ethisch wie kommunikativ eine Riesenherausforderung“, betonte Stefan Kliesch, der Ethik-Experte des LCV. Schulungen in allen drei Häusern sollen die Leitlinien verinnerlichen. Der „schwierige Weg“ könne gelingen, wenn zu einer „Haltung der Liebe“ auch praktische Angebote kämen, meinte der Theologe, zum Beispiel die Chance, mit Betreuungskräften gemeinsam kleine Ausflüge zu unternehmen, die nicht in einer Quarantäne enden. Dazu werde bereits das freie Personal aus den noch geschlossenen Tagespflege-Einrichtungen eingesetzt, betonte Pflegedienstleiter Aloys Freese. „Man hat uns personell begrenzt, wo man nur kann“, kritisierte er den jahrelangen Spar­zwang in den Einrichtungen: „Aber wir nutzen alle Möglichkeiten, die wir haben.“

Die ehrenamtlichen Helfer, die das Personal sonst unterstützen, sind durch die Verfügungen davon ausgesperrt. „Ich wünschte, man hätte uns da mehr vertraut“, sagte Freese in Richtung des Gesundheitsamtes.

Aloys Freese, Pflegedienstleiter Pius-Stift. Foto: Hubert KrekeAloys Freese, Pflegedienstleiter Pius-Stift. Foto: Hubert Kreke

Ein „riesiges Problem“ bleibt für Diakon Peter Sandker, der die Ethik-Kommission moderiert hat, die massiv eingeschränkten Besuchsrechte. Freese hält es sogar für „ethisch unvertretbar“, allen Bewohnern und Besuchern „die Regeln von oben zu diktieren“. Zumindest dürfen endlich bettlägerige Bewohner besucht werden – nach zehn Wochen Isolierung. Ihren 104. Geburtstag muss eine Cloppenburgerin dagegen im Juni voraussichtlich ohne ihre Familie im St.-Pius-Stift feiern. Denn sie ist noch fit...

  • Info: Das ethische Orientierungspapier stellt der Caritasverband allen 28 katholischen Heimen in seinem Gebiet zur Verfügung. Der ganze Text steht bereit unter: www.pius-stift.de

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