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Wer gilt als genesen? – Der Landkreis Vechta und die Coronazahlen

Die Behörde stellt deutlich weniger Daten zur Verfügung als beispielsweise der Kreis Cloppenburg. Hat das Vechtaer Gesundheitsamt den Überblick verloren – oder macht es sich nur ehrlich?

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Symbolbild: dpa

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Zahlen sind in den Pandemiejahren zu einer entscheidenden Größe in der Coronapolitik geworden. Lokale Infektionszahlen und die Lage in den Krankenhäusern haben seit dem Frühjahr 2020 darüber entschieden, ob Schulen und Einzelhandel geschlossen werden, ob nur Geimpfte oder auch Getestete in einem Restaurant speisen durften – ja sogar, ob Menschen nachts ohne triftigen Grund vor die Haustür treten konnten.

Wenn örtlichen Corona-Zahlen eine solche Bedeutung zukommt, ist es umso wichtiger, dass sie stimmen. Und da hat es zuletzt – insbesondere mit Blick auf den Landkreis Vechta – einige Fragezeichen gegeben.

Konkret geht es darum, dass die Behörde seit Anfang Februar weniger Kennziffern bekannt gibt als zuvor – und weniger, als andere Kreisbehörden, etwa die Cloppenburger Verwaltung.

Starke Diskrepanzen zwischen Kreis und RKI

Und: Bei der Berechnung der 7-Tage-Inzidenz für den Landkreis Vechta hatte es zuletzt wiederholt starke Diskrepanzen gegeben zwischen den Werten, die das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) meldete und jenen, die die Vechtaer Kreisverwaltung errechnet hatte. Was ist also los bei den Coronazahlen im Landkreis Vechta? Und warum melden andere Behörden wie der Kreis Cloppenburg umfangreichere Coronadaten?

Störungen in der Meldekette: Bereits vor etwa 10 Tagen fiel auf, dass die vom RKI berechnete 7-Tage-Inzidenz für den Landkreis Vechta überraschend niedrig war. Der Landkreis erklärte gegenüber unserer Redaktion am 10. Februar, das Problem sei bekannt und an das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) gemeldet worden. Dieses leitet die Daten an das RKI weiter. Die Zahlen des RKI sind für Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der Regel maßgeblich.

Entscheidend ist der Stichtag

Das NLGA erklärte gegenüber unserer Redaktion am 16. Februar, dass es keine technischen Probleme bei der Datenübermittlung des LK Vechta in Richtung NLGA und RKI gebe. Was ist also der Grund für die teils stark unterschiedlichen 7-Tage-Inzidenzen bei RKI und Kreis?

Am Donnerstag erklärte der Landkreis Vechta, dass die hohe Zahl der Neuinfektionen der vergangenen Tage auch zu einer Verzögerung bei den Meldungen der Labore an das Gesundheitsamt geführt habe. Auch im Gesundheitsamt selbst habe es bei der „Prüfung und Weiterbearbeitung der Daten“ Verzögerungen gegeben.

Das RKI berücksichtige als Stichtag für die Berechnung der 7-Tage-Inzidenz jenen Tag, an dem eine Person getestet wurde. Sprich: Nach 7 Tagen fällt eine Infektion hier wieder aus der Zählung für die Inzidenz heraus. Auch dann, wenn der Fall wegen der Meldeverzögerungen erst kürzlich gemeldet worden sei.

Der Kreis zählt die Fälle länger mit

Demgegenüber lasse der Landkreis Vechta die tagesaktuell ans NLGA gemeldeten Fälle „noch mit in seine internen Berechnungen“ einfließen – auch, wenn die Probeentnahme schon einige Tage her sei. Daher sei die Inzidenz der Behörde „stets höher“ als die von NLGA und RKI.

In einem Extrembeispiel darf man sich das wohl so vorstellen: Wenn eine Person an Tag 0 positiv getestet wird und dieser Befund erst an Tag 5 vom Kreis an das NLGA gemeldet wird, fällt er an Tag 8 bereits wieder aus der Inzidenz des RKI. In der kreiseigenen Inzidenz hingegen bleibt der Fall ab Tag 5 für weitere 7 Tage akut. Die Behörde zählt Fälle also länger mit als das RKI, daher – so die Auskunft der Pressestelle – die höhere 7-Tage-Inzidenz.

Die Inzidenz verliert an Bedeutung

Allerdings dürfte die 7-Tage-Inzidenz in den kommenden Wochen zumindest vorerst etwas an Bedeutung verlieren. Im Herbst und Winter war sie mitentscheidend dafür gewesen, welche Corona-Warnstufe gilt – und welche Einschränkungen.

Diese Corona-Warnstufen sollen aber ab Donnerstag (24. Februar) durch einen neuen Stufenplan abgelöst werden. Das erklärte die Pressesprecherin der Landesregierung, Anke Pörksen, gegenüber unserer Redaktion. Dieser Plan, der auf den jüngsten Vereinbarungen von Bund und Ländern beruht, stellt nach und nach Lockerungen in Aussicht.

Gleichwohl soll es eine Hotspot-Regelung geben in der nächsten Corona-Verordnung des Landes. Inwiefern die lokale 7-Tage-Inzidenz für die Einstufung einer Region als Hotspot relevant sein wird, erklärte die Regierung am Freitag nicht.

Cloppenburg liefert deutlich mehr Daten

Umfang der Coronazahlen: Wer auf die Internetseite des Landkreises Cloppenburg geht, kommt mit einem Klick auf ein umfangreiches Infoportal des RKI, das die Coronalage zwischen Löningen und Saterland abbildet. Dort findet sich auch die Zahl der derzeit aktiven Coronafälle im Landkreis Cloppenburg – insgesamt sowie aufgeschlüsselt nach Kommunen.

Die Meldung des Vechtaer Gesundheitsamtes ist demgegenüber deutlich sparsamer. Hier erfahren Interessierte lediglich die Zahl der Neuinfektionen (nach Kommune und summiert) sowie die 7-Tage-Inzidenz des RKI, die Gesamtzahl der Todesfälle, die Anzahl durchgeführter Impfungen und die Lage im Krankenhaus.

Wer sich freitestet, wird nicht erfasst

Wie viele aktive Infektionen es insgesamt im Kreis Vechta derzeit gibt und wie viele Menschen neu genesen sind – diese Zahlen teilt die Vechtaer Behörde nicht mit. Wieso?

Nach Darstellung von Kreissprecher Jochen Steinkamp liegt es daran, weil das Gesundheitsamt keine verlässliche Kenntnis darüber habe, wann ehemals Infizierte die Quarantäne verlassen. Schließlich könnten Infizierte – wie auch Kontaktpersonen – durch einen negativen Schnelltest ihre Quarantäne verkürzen, wenn sie symptomfrei seien.

Das sei durch die Regeln der geltenden Landesverordnung „in den unterschiedlichsten Zeiträumen“ möglich. Und: Von negativen Schnelltests erhalte die Behörde keine Kenntnis. Deshalb könne die Vechtaer Kreisverwaltung die Zahlen der „aktuell Infizierten, der Genesenen und der Personen in Quarantäne nicht mehr realistisch tagesaktuell ermitteln“, so Pressesprecher Steinkamp.

Andere Kreise setzen auf die Statistik

Andere Kreisbehörden dürften aber, was das Regelwerk beim Freitesten angeht, vor den gleichen Herausforderungen stehen. Wie gehen sie damit um? Schließlich hängt von der Zahl der Genesenen auch die Zahl der aktuell Infizierten ab.

Gegenüber unserer Redaktion erklärten die Verwaltungen der Landkreise Diepholz und Osnabrück jetzt, dass auch sie nicht im Einzelfall wüssten, wann vormals Infizierte tatsächlich genesen seien. Vielmehr würden sie nach Ablauf von 10 Tagen aus der Statistik entfernt. Die Zahl der Genesenen und – davon abgeleitet – die Gesamtzahl der aktuell Infizierten wird somit teilweise nur rechnerisch ermittelt. Auf diese statistische Erhebung hat man im Kreis Vechta offenbar bisher verzichtet.

In Cloppenburg gelten schärfere Regeln

Auch im Kreis Cloppenburg zählt man die Tage nach einem positiven Test, bevor jemand als genesen gilt. Pressesprecher Frank Beumker erklärte auf Anfrage, sofern kein negativer Test vorliege, werde nach einer 10-Tage-Frist „bei vorherrschender Freiheit von Symptomen davon ausgegangen, dass keine Infektiosität mehr gegeben“ sei. Betroffene Personen gelten somit als genesen.

Und: Im Kreis Cloppenburg gilt eine zusätzliche Allgemeinverfügung, die es so in anderen Kreisen nicht gibt. Diese schreibt vor, dass Bürger ihre negative Schnelltests dem Kreis melden müssen, wenn sie vorzeitig die Quarantäne verlassen wollen. Der Kreis Cloppenburg dürfte daher, so darf man annehmen, genauer als andere Behörden wissen, wie viele Personen ihre Quarantäne verkürzen.

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