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Wer Fehler zugibt, hat alles richtig gemacht

Kolumne: Auf ein Wort – Wir alle machen Fehler. Diese aber offen einzugestehen, ist eine große Aufgabe, die nicht jeder bewältigt. Dabei ist es eine Stärke, zu den eigenen Fehlern zu stehen.

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"Ja, wissen Sie, die Lieferung hat sich verzögert... wegen der Pandemie und des Krieges... Sie hatten ja auch ein ganz spezielles Modell bestellt..." – Mein Sessel, den ich um Ostern herum bestellt hatte, war für Juni angekündigt. Im August habe ich noch immer nichts gehört und hake nach: Der Sessel steht im Lager und ist wenige Tage später bei mir. Der zuständige Verkäufer ist im Urlaub... Nach dem Urlaub meldet er sich am Telefon. Sein Redeschwall dauert lange an. Innerlich warte ich auf so etwas wie: "Tut mir leid, dass ich mich nicht bei Ihnen gemeldet habe, um die Verzögerung anzukündigen, das ist mir einfach durchgerutscht." Doch ich warte vergeblich. Viele erklärende Worte, keine Entschuldigung. Ich ärgere mich. Fehler macht jeder. Dazu stehen und sich entschuldigen, scheint schon schwieriger zu sein.

"Fehlerfreundlichkeit" ist so einer von den Begriffen, die gerade in Mode sind. Er gefällt mir trotzdem und fordert mich auf: "Sei freundlich zu deinen Fehlern – ignoriere sie nicht – nimm sie an als etwas, was zu dir gehört – sieh die Chance in ihnen." Das ist leichter gesagt als getan, denn Fehler haben oft schwerwiegendere Folgen als ein zu spät geliefertes Möbelstück. Doch ausgesprochen und eingestanden wird der damit verbundenen Schuld schon ein Stück ihrer Kraft genommen. Ein neuer Anfang wird möglich.

"Ich finde, es sollte niemandem übel genommen werden, wenn er seine Fehler offen oder sogar öffentlich bekennt. Es ist eine Stärke, zu ihnen zu stehen."Martina Wittkowski, Kreispfarrerin

Ob auf der persönlichen Ebene, im beruflichen Miteinander, in der Kirche, in Gesellschaft oder Politik. Fehler, die vertuscht werden, vergiften Beziehungen und blockieren den weiteren Weg. Fehler, die offen ausgesprochen werden, führen weiter, öffnen manchmal ganz neue Möglichkeiten. Ich finde, es sollte niemandem übel genommen werden, wenn er seine Fehler offen oder sogar öffentlich bekennt. Es ist eine Stärke, zu ihnen zu stehen.

So wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier es am Montag in München bei der Gedenkfeier tat. Bei der Olympiade 1972 war es zu einem schrecklichen Attentat auf israelitische Sportler gekommen. Der Bundespräsident bat die Angehörigen der Opfer – endlich nach 50 Jahren – stellvertretend für die Verantwortlichen und im Namen der Bundesregierung "um Vergebung für den mangelnden Schutz der israelitischen Athleten damals..., für die mangelnde Aufklärung danach; dafür, dass geschehen konnte, was geschehen ist."

"Vergib uns unsere Schuld" – Die Bitte im Vaterunser verweist uns auf einen Größeren, der Schuld auf eine ganz tiefe Weise vergeben kann. Uns selbst "ent-schuldigen" im eigentlichen Sinn des Wortes können wir ja nicht. – "...wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind", nimmt uns das Gebet dann selbst in die Pflicht. Es verweist uns an unser menschliches Gegenüber. Durch das Aussprechen der Schuld wird die Beziehung wieder klar, der Weg auf Vergebung und einen Neuanfang hin kann gegangen werden. Fehlerfreundlichkeit ist aus meiner Sicht eine zutiefst christliche Sache. Wer Fehler zugibt, hat alles richtig gemacht.


Zur Person:

  • Martina Wittkowski ist Kreispfarrerin im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Oldenburger Münsterland.
  • Sie erreichen die Autorin unter: redaktion@om-medien.de.

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