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Wenn Intelligenz nur noch künstlich ist

Kolumne: Das ganz normale Leben – Künstliche Intelligenz gilt als der letzte Schrei. Ein Selbstversuch zeigt auf, was die KI schon kann – und wo Tücken lauern.

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Wer in diesen Tagen Zeitung liest und Fernsehen guckt, wird nach den deprimierenden Leitthemen rund um Krieg und Kirche und Corona gern mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ belästigt. KI, so der Tenor, kann alles, weiß alles, riecht gut und rettet unsere Zukunft.

Am Caféhaustisch meines Vertrauens wurde es diese Woche handfester: Eine aufrechte Beisitzerin der obersten Erfahrungsklasse berichtete von funktionierenden KI-Textmaschinen im Internet, die nach Vorgabe weniger Stichworte grammatikalisch einwandfreie Lesetexte zu einem beliebigen Thema ausspeien würden. Die seien dann genauso lang wie diese Kolumne und könnten von faulen Usern als Brief oder Blogeintrag oder Predigt genutzt werden, unglaublich sowas.

Der Stammtisch ahnte, dass solche Dienstleistung weder billig noch gehorsam ist, aber immerhin, die Auftraggeber sparen ja den Lohn für Texter, Redakteure und Labertaschen, die kosten ohnedies nur teures Geld. „Das stand schon vor 3 Jahren im Spiegel“, maulte ein Sitznachbar und bestellte sein drittes alkoholfreies Weizen: „KI-Texte lesen sich auf den ersten Blick ganz ordentlich, wimmeln aber bei näherem Hinsehen von Sinnfehlern und Oberflächlichkeiten. Das ist alles noch mit Vorsicht zu genießen. Prost, Genossen, die Arbeit geht uns schon nicht aus“.

Südoldenburg liegt in der Wesermarsch

Auf den Schreck hin orderte ich einen Flammkuchen flämischer Art und probierte noch in derselben Nacht mein Glück im Internet. Der erste KI-Texterzeuger war schnell gefunden, ich warf ihm die Stichworte „Oldenburger Münsterland, lebenslustig, fleißig, Plattdeutsch“ hin, die Maschine knurrte 20 Sekunden und präsentierte mit Tröte den KI-Aufsatz: „Das OM umfasst die Städte Oldenburg, Wilhelmshaven und Emden sowie die Landkreise Ammerland, Friesland und Wesermarsch. Es ist bekannt für seine ländliche Schönheit, seine Windmühlen und seine Kühe“.

Nun ist an dieser Prosa zunächst nichts auszusetzen, Münchener, Sachsen oder Diepholzer dürften in Eile über das Debakel hinweglesen. Einigermaßen Sachkundige indes brechen in Tränen aus: Die geografische Zuordnung ist vollkommen verkehrt, die stolzen Städte und Landkreise würden Protestmärsche erleben, stünde sowas von offizieller Seite irgendwo geschrieben, in der Wesermarsch käme es zu Tumulten.

Meine listige Idee, Kolumnen wie diese künftig via KI rauszudonnern, zerfiel zu Schnepfendreck.Christian Bitter

Windmühlen und Kühe könnte man mit Lehrer-Kringel gerade noch so stehen lassen, nicht aber den maschinellen Verweis auf vollends ungeahnte Wirtschaftskräfte: „Die Fischerei spielt eine wichtige Rolle in der Region“, faselt die Künstliche Intelligenz und eiert zum guten Schluss mit angelesenen Halbwahrheiten herum: „Viele Menschen im OM sprechen noch Dialekte, die aus dem Mittelhochdeutschen stammen“.

Enttäuscht klappte ich den Rechner zu und hing anderen Gedanken nach. Meine listige Idee, Kolumnen wie diese künftig via KI rauszudonnern, zerfiel zu Schnepfendreck.

Da muss ich wohl noch selber ran.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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