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Wenn Holzgebälk sprechen könnte...

Gästebuch: In den vergangenen Wochen hat die abgängige Münsterlandhalle in Cloppenburg ordentlich für Schlagzeilen gesorgt. Ein Rückblick in die Geschichte – mit Höhen und Tiefen.

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Die freitragende Holzkonstruktion war gerade fertig geworden. Das frische Holz verströmte noch seinen eigenartigen Geruch, als im Sommer 1930 zur ersten Tierschau in die Cloppenburger Münsterlandhalle geladen wurde. Da präsentierten sich Großvieh und Kleinvieh im neuen Ambiente, und Südoldenburgs Bauernleute durchmaßen breiten Schrittes das 50 Meter lange Gewerk.

Kein Jahr später luden die Spießgesellen auch eines Tieres in dieselbe Halle, eines hohen Tieres, eines Kanzlerkandidaten, eines späteren städtischen Ehrenbürgers und Massenmörders. Der „Führer“ gab sich schon im Mai 1931 hier die „Ehre“. Den Diktator im Trenchcoat begrüßte eine Phalanx in Schaftstiefeln, Knickerbockern und Braunhemden mit Hitlergruß und Hakenkreuz: Brust raus, Kreuz gerade, wir sind das wahre Volk.

Der Kreuzkampf hat alles rausgerissen

Die Balken der Münsterlandhalle, frisch verzimmert, bogen sich nicht ob der menschenverachtenden Lügengeschichten und Hasstiraden des „GröFaZ“ gegen Juden und jegliche Feindbilder. Auch im Oldenburger Münsterland fiel der Faschismus auf fruchtigem Boden, was sich nicht nur in den Wahlergebnissen widerspiegelte. Auch im Amtsgericht Cloppenburg waren furchtbare Juristen am Werk und durch ihre Entscheidungen beteiligt an der Tötung „unwerten Lebens“, wohlklingend umschrieben als „Euthanasie“. Und auch in Bösel lynchten brave Böseler Bürger im Kronsberg einen Zwangsarbeiter, der eine Liebesbeziehung zu einer einheimischen Frau eingegangen war.

Doch der sogenannte Kreuzkampf hat alles rausgerissen. Mit dem Erlass der Nazis, die Kreuze aus den Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden zu entfernen, war die berühmte Grenze überschritten. Krieg? Ja, wir gewinnen doch! Judenverfolgung? Juden gibt’s hier nicht. Aber die Kreuze, das Symbol unseres Lebens, sind uns heilig. Wir widerstehen. Wir haben uns deshalb doch nicht ganz so schuldig gemacht. Oder?

"Auch im Oldenburger Münsterland fiel der Faschismus auf fruchtigem Boden, was sich nicht nur in den Wahlergebnissen widerspiegelte."Otto Höffmann

Als der Terror vorbei war, ging es jahrelang nur noch bergauf. Tierschauen ohne Ende. Rassegeflügel am laufenden Band. Frühlingsfeste, Schützenfeste, Mary-Markt, Junimarkt und sogar Impftermine. Wir haben getan, was wir konnten. Aber mit dem Stoppelmarkt, dem übergroßen leuchtenden Vorbild, konnten wir nicht mithalten. Trotz kopiertem Montagvormittagsempfangs mit Festredner, Erbseneintopf und „Heil, dir  O Oldenburg“ aus voller Kehle.

Dann kam ein Schriftsteller, ein Künstler, ein Poet. Der kam aber nicht, um Erbauliches aus seinen Werken vorzutragen. Der kam politisch. Für die „EsPeDe“ trommelte er und wollte uns Südoldenburger aufmischen. Als ob wir nicht wüssten, was 'ne Harke ist.

Es waren junge Leute, die sich an die Speerspitze des Widerstands stellten. Wir waren es, Schüler des Clemens-August-Gymnasiums der 10. und 11. Klasse. Tagelang hatten uns Lehrer psychologisch auf die heroische Tat vorbereitet. Günter Grass verkörperte ja gleich zwei schlimme Dinge: Er war SPD, also kommunistisch und schrieb Pornobücher. Sagten jedenfalls die Lehrer. Wir hatten zuvor noch so gut wie nie von ihm gehört, geschweige denn gelesen.

Währenddessen nagte der braune Kellerschwamm weiter an dem Holzgebälk

Die faulen Eier in der linken Hosentasche, den Besenstiel mit dem umwickelten Transparent „Onanistenschwein“ in der rechten schmuggelten wir uns an der Polizei vorbei in die Münsterlandhalle. 3OOO Leute waren dabei, als wir zu Helden des Oldenburger Münsterlandes aufstiegen. Die Eier flogen, Transparente wurden entrollt, die Polizei griff ein, wenn auch nicht ganz so beherzt. Die Presse überschlug sich. Kreuzkampf war nichts dagegen.

3 Jahre später kam der Schriftsteller erneut zum Bundestagswahlkampf nach Cloppenburg. Und wieder in die Münsterlandhalle. Glanz und Ruhm der Heroen von einst waren lange verflogen. Mit den Jahren war auch der Verstand gewachsen und der Gast erhielt eine Palette frischer Cloppenburger Landeier.

Währenddessen nagte der braune Kellerschwamm weiter an dem Holzgebälk. Ebenso wie der braune Warzenschwamm sich beharrlich das Dach vornahm. Nun droht Einsturzgefahr. Abreißen oder Neubau? 90 Jahre, nachdem der braune Kanzlerkandidat die Hallenatmosphäre vergiftet hatte. Dass die Wirkung so lange anhält, dass hätte man wohl nicht gedacht.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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