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Wenn Händchenhalten Angst macht

Kolumne: Batke dichtet – Fotos können nicht nur Erinnerungen wachrufen, sondern auch Geschichten erzählen. Und diese sind hin und wieder mitunter verstörend.

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Fotos erzählen Geschichten, Fotos setzen sich im Kopf fest, mitunter wirken sie verstörend. Mein "Foto der Woche" erinnert mich ein bisschen an die berühmteste aller sozialistische Bruderkussszenen, als Leonid Breschnew und Erich Honecker im Oktober 1979 ihre feuchten Lippen aneinanderschoben. Mein aktuelles Horror-Bild ist das vom Teheraner Despoten-Gipfel in dieser Woche mit dem iranischen Staatsoberhaupt Ebrahim Raisi, Kreml-Chef Wladimir Putin und dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan, allesamt wahrhaft keine lupenreinen Demokraten.

Feuchte Küsse gibt es keine und wie verliebte Teenager wirken sie auch nicht, aber da stehen sie: Der Mullah in der Mitte, Händchen haltend mit dem diabolisch fies grinsenden Mann, der die Ukraine bombardiert zur Linken und dem Kurden-Jäger zur Rechten. Von diesem Bild geht Bedrohung aus – drei Männer, die unser Wertesystem nicht nur verachten, sondern attackieren.

Bild wirkt wie eine Kampfansage

Warum mich dieses Bild nicht loslässt, wollen Sie wissen? Weil es wie eine Kampfansage wirkt. Ein Schulterschluss dreier Männer, die demokratische Werte mit Füßen treten und auch keine Scheu davor haben, politische Gegner zu beseitigen. Auch wenn die drei Mächte unterschiedliche Ziele verfolgen, so geht es ihnen doch darum, ihre jeweiligen Einflusszonen auszubauen. Und darum, neue Allianzen zu schmieden, was insbesondere für Russland und den Iran gilt.

So haben die Mullahs vollstes Verständnis für Putins Angriffskrieg, schließlich wehre er sich nur gegen die westliche Aggression. Und natürlich spricht Raisi nicht vom "Krieg", sondern bedient sich der Moskauer Sprachregelung: "Militärische Sonderoperation". Vor genau 5 Monaten hat Putin damit begonnen, die Ukraine zu überfallen; in Teheran holte er sich dafür Applaus ab. Und einmal mehr machte er deutlich, wie sehr er sich in der Rolle des zynischen Marionettenspielers gefällt.

In Richtung EU spöttelte er bei einer Pressekonferenz nach dem Gipfel: "Sie sind völlig verrückt geworden. Sparen Sie Wasser, sparen Sie Strom – was für ein Blödsinn ist das denn. Da haben sie selbst Fehler gemacht, wissen nicht, was sie tun sollen und suchen Schuldige."

"Es ist ein Spiel mit der Angst, das auch bei uns mitunter skurrile Blüten treibt."Alfons Batke

Neben Desinformation, Wegsperren von Oppositionellen und Terror befindet sich auch die Erpressung im despotischen Werkzeugkasten. Das perfide Spiel mit der Blockade von Getreideexporten aus der Ukraine gehört ebenso dazu wie das Hantieren am Gashahn. Es ist ein Spiel mit der Angst, das auch bei uns mitunter skurrile Blüten treibt: An den beiden heißesten Tagen des Jahres, am Dienstag und Mittwoch dieser Woche, erreichte der Nachfrageboom bei Heizlüftern und Ölradiatoren seinen Höhepunkt.

Gleichzeitig muss ich lesen, dass sich laut einer Umfrage angesichts der heraufziehenden Energiekrise schon 30 Prozent unserer Landsleute dafür aussprechen, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. Wie gesagt: Ein einziges Bild kann viel erzählen. Die drei Händchen haltenden Autokraten sagen mir: Ihr müsst nicht nur Angst vor einem kalten Winter haben. Ihr müsst euch für lange Zeit warm anziehen.


Zur Person

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om.medien.de.

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