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Wenn einer den anderen brutal ausbremst – und davonkommt

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Vor Gericht ging es um eine lebensgefährliche Situation auf der Autobahn. Der mutmaßliche Täter hatte einen geschickten Anwalt.

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Eine 3-stündige Verhandlung vor dem Strafgericht des Amtsgerichtes Vechta, wie ich sie noch nicht erlebt habe: Ein 29-Jähriger aus Bad Zwischenahn war angeklagt wegen verkehrswidriger Nötigungen auf der Hansalinie. Es war ein Strafbefehl erlassen worden und es stand unter anderem ein Fahrverbot auf dem Spiel.

Die "Tat" war am 31. Mai 2020 –  ein Sonntag – um 18 Uhr passiert. Ob so oder anders, sollte die Verhandlung zeigen. Zeigte sie aber nicht, da das Verfahren eingestellt wurde. Und der wirkliche Tatbestand wurde nicht geklärt, sondern mehr oder weniger ins Umgekehrte gedreht. Da man aber nicht ganz sicher war, folgte die Einstellung.

Dem 29-Jährigen, der mit einem weißen Mercedes unterwegs war, war vorgeworfen worden, bei Holdorf einen 52-jährigen Autofahrer aus Huntlosen bedrängt und ausgebremst zu haben. Der Verteidiger des Angeklagten erklärte gleich, es sei genau umgekehrt gewesen.

"Der Verteidiger brachte dann den 'toten Winkel' ins Spiel."Klaus Esslinger

Der als Zeuge geladene 52-Jährige sei der Täter gewesen. Er habe den Angeklagten zur Vollbremsung gezwungen und habe das auch noch wiederholt, erklärte der Anwalt. Dass sein Mandat der Polizei bekannt sei, wie in der Akte vermerkt, sei auch kein Wunder. Ein Beamter habe ihn auf dem "Kieker". Vorbestraft sei der 29-Jährige nicht. 

Der 52-Jährige, der mit seiner Frau, einem Kind und einem angeschnallten Hund im Auto unterwegs war, sagte als Zeuge aus. Er sei bei Holdorf von dem Angeklagten bei einer Geschwindigkeit von 170 auf 70 ausgebremst worden sei. Das habe sich wiederholt. Ähnlich die Aussage der Frau des 52-Jährigen. Sie habe dem Angeklagten ihr Handy gezeigt und auch die Autobahnpolizei in Ahlhorn angerufen.

Aber wo genau fand was auch immer statt? War das auf der zweispurigen Bahn oder war der Tatort im dreispurigen Bereich? War viel los auf der Autobahn? Und: Wer überholte wen? Nach fast 2 Jahren war die Erinnerung nicht mehr bei allen Zeugen frisch, obwohl alle erklärten, es habe sich um eine lebensgefährliche Situation gehandelt. „Ich habe noch heute damit zu kämpfen“, so die 46-jährige Zeugin.

Das musste die Richterin erst mal sacken lassen

Der Verteidiger brachte dann den „toten Winkel“ ins Spiel. Er fragte den betroffenen 52-Jährigen, der übrigens Kraftfahrer von Beruf ist, ob es nicht sein könne, dass er beim Wechsel auf die Überholspur den weißen Mercedes des Angeklagten nicht gesehen habe und es deshalb zur Vollbremsung des Angeklagten gekommen sei. Das verneinte der Zeuge zwar, aber dieses Szenario war aber ja, so der Verteidiger, auch nur eine Möglichkeit.

Die Strafrichterin machte 15 Minuten Pause und schlug vor, das Verfahren einzustellen – bevor man alles fortsetze, weitere Zeugen lade und trotzdem nicht zu einer klaren Beweislage komme. „Aber nicht mit einer Auflage für den Angeklagten“, so der Verteidiger. Also auf Kosten des Staates und ansonsten zahlt jeder seine eigene Rechnung. Dem stimmten alle zu.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Sie erreichen den Kolumnisten per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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