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Wenn die Hausapotheke im Eisfach lagert

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Dass man sich das "Mindest" in "Mindesthaltbarkeitsdatum" öfter vor Augen führen sollte, ist uns klar. Kommt die Erkenntnis spät, ist die Überraschung umso größer.

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Frische Champignons, dünn über den Salat gehobelt oder in Butter an die Pasta geschwenkt – herrlich! Auf der Pizza allerdings konnten mich die schneeweißen Hutträger noch nie überzeugen. Dort greife ich grundsätzlich zur Variante aus dem Glas. So auch dieses Mal. Frischer Hefeteig, Mozzarella, Oregano – hungrig’ Herz, was brauchst du mehr?!

Beim anschließenden, gesättigt-trägen Aufräumen der Küche fällt mein Blick eher zufällig auf das Mindesthaltbarkeitsdatum am Rand des Pilzglasdeckels. Wussten Sie, dass Champignons im Glas 10 Jahre haltbar sind? Woher auch?! Stimmt ja gar nicht! Ich war bloß der einzige Klapskalli, der ein Leben lang fahrlässig dieser Annahme war. Und nun lese ich, dass meine Pizza-Funghi-Protagonisten seit 6 Monaten abgelaufen sind.

Aber komm, kein Problem! Zum Glück bin ich, was sowas angeht, auch niemand, der sich verrückt machen lässt. Andere Leute würden vermutlich sofort anfangen zu googeln… „Pilzvergiftungen können Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen, Schwindel und Herz-Kreislauf-Probleme verursachen“, lese ich. Na, Freunde, das wird sich wohl eher auf 'ne zünftige Fliegenpilz-Pfanne beziehen, aber sicher nicht auf ein paar „überreife“ Champignons, lache ich und schraube das Glas mit spitzen Fingern zu. Mir geht’s schließlich spitzenmäßig. Lassen wir mal die Kirche im Dorf!

"'Dann beginnt es also', höre ich mich – wie einst Théoden im 'Herrn der Ringe' kurz vor der Schlacht – sagen. Die Pilze 'wirken'…"Heiko Bosse

Klar, so ein leichtes Sodbrennen will ich nicht leugnen, als ich auf dem Sofa ankomme. Aber das kann auch gut vom Rotwein herrühren. Beim Blick auf den Tisch fällt mir auf, dass der Rioja allerdings noch im Keller steht. Ich hole die Flasche rasch aus den Gewölben und geleite sie nebst eisgekühltem Jubi die Treppe hoch – Desinfektion von innen, solange mir kein Rezeptblock zusteht. Wenige Minuten später jedoch durchströmt eine unnatürliche Wärme meinen Körper bis hoch ins Gesicht. "Dann beginnt es also", höre ich mich – wie einst Théoden im "Herrn der Ringe" kurz vor der Schlacht – sagen. Die Pilze "wirken"…

Eine innere Unruhe überkommt mich. Ich versuche, meinen Magen mit einer guten Fleur-de-Sel-Herrenschokolade abzulenken und von den schönen Dingen des Lebens zu überzeugen. "Gibt es nicht eine Giftnotruf-Hotline?", überlege ich. Aber wer hat die Nummer schon im Kopf… die 0551/19240..?!

Mit Schüttelfrost ziehe ich das letzte Register

Meine Urgroßmutter soll gesagt haben "Man kann alles essen – außer Stacheldraht", weiß ich aus Erzählungen, während ich an diesem frostig-sternklaren Abend im Hemd auf die Terrasse gehe, um meinem Kreislauf frischen Sauerstoff zuzuführen – quasi als letzter Strohhalm gegen die Pilze. Als ich nach 2 Minuten meine Hand waagerecht vors Gesicht halte, sehe ich, wie meine Finger zittern. "Tja, das war’s dann wohl", denke ich. "Für mich braucht’s nicht mal Stacheldraht." Im Rückblick auf mein Leben habe ich keinen Grund zur Klage. Gut, das mit dem Südengland-Urlaub seinerzeit, das hätte man sich… aber die Essgewohnheiten sind halt unterschiedlich.

Mit Schüttelfrost schleiche ich zurück zum Sofa und ziehe das letzte Register – in Form eines zweiten eisgekühlten Jubi. Und da muss ich sagen, danach wird das mit der inneren Unruhe doch deutlich besser… nach dem fünften dann aber auch wieder schlechter. Trotzdem bin ich froh, dass ich das Ende da nochmal abwenden konnte, und stoße auf das Leben an.

Am nächsten Morgen habe ich dann allerdings doch wieder Symptome. Waren die Pilze wohl doch nicht ganz ohne…


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per Mail an: redaktion@om-medien.de.

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