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Wenn das ganze Dorf auf dem Friedhof ist

Kolumne: Notizen vom Nachbarn – Bei der Gräbersegnung hatte sich das ganze Dorfleben auf den Friedhof verlegt. Dabei konnte man einiges Neues aus der Nachbarschaft erfahren.

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Nicht nur bei meiner Mutter herrschte seit Tagen emsige Betriebsamkeit auf dem Friedhof. Mehr noch als im Frühjahr, wenn die Schäden des Winters weggeputzt werden und man endlich wieder zwischen den Gräbern Leute zum Schnacken trifft. Am Sonntag vor 3  Wochen stand Gräbersegnung an und da mein Vater ja nicht mehr dabei sein kann, habe ich den frischen Blumenstrauß auf seinem Grab mehrmals gedreht und gewendet, bis Oma wirklich zufrieden mit mir war.

Die Parkplätze rund um die Kirche waren proppenvoll, die Andacht bis auf den letzten Platz gefüllt – das ganze Dorfleben hatte sich auf den Friedhof verlegt. Meine Tante musste mit ihrem Mobil ihr ganzes fahrerisches Können aufbieten, um sicher durch die vielen hilfsbereiten Friedhofsbesucher zum Familiengrab zu gelangen. Dabei ist die Schwingtür am Friedhofseingang immer wieder ein echtes Manöver für ihre 96 Jahre, aber was will man machen, wenn die Dorfkaninchen ausgesperrt werden müssen, um nicht alle Gräber zu verwüsten.

„Mehr Besucher als bei der Gräbersegnung hat die Kirche bestimmt nur an Weihnachten“Antonius Schöer

Beim Gang durch die Reihen dachte ich, Bilder auf den Grabsteinen von den Verstorbenen wie in den Totenanzeigen wären jetzt auch ganz schön. Mehr Besucher als bei der Gräbersegnung hat die Kirche bestimmt nur an Weihnachten. So ohne Opa war es in diesem Jahr schon anders und sein Spruch "Masse Lüe hier – sünd alle bi dei groote Armee in Himmel – daor will ick noch nich hen" fehlte uns. Aber es war gut, mit all den anderen an den Gräbern zu stehen. So viele bekannte Gesichter, die sich gegenseitig zunickten und irgendwie alle die Verstorbenen in der Mitte des Ortslebens dabei hatten. Und so ein bisschen erfährt man ja auch was Neues auf dem Friedhof.

Wer zum Beispiel der neue Schwiegersohn oder die Schwiegertochter von "dissen un dei" ist und die Familie zum Grab begleitet hat. Weihwasser schwenkend zog der Pastor durch die Reihen und Pastor Heyer schaute jedem freundlich ins Gesicht. Zum Glück haben wir wieder einen richtig guten im Dorf. Bei aller Kritik an der Kirche, an solchen Tagen werden gute Pastoren echt gebraucht. Und es gibt ja wirklich richtig gute Geistliche, ich könnte bei uns im OM bestimmt mehr als ein halbes Dutzend aufzählen – auch wenn sie sicher nicht in allem perfekt sind.

Lieber Weihbischof, kann man das himmlische Bodenpersonal nicht etwas mehr nach ihren besonderen Fähigkeiten einsetzen? Manuel Neuer ist ein super Fußballer, aber er spielt doch auch nicht immer im Sturm. Und so gibt es doch Pastoren, um die würde sich jedes junge Brautpaar zur Hochzeit reißen und andere, die sind ideal für seelsorgende Einzelgespräche oder gute Organisation.

An Weihnachten, bei den Erstkommunionfeiern und auch bei den Gräbersegnungen kommen noch so viele Menschen zur Kirche – super Chancen für eine ausgetüftelte Aufstellung des Pastoren-Teams mit freundlichem Blick ins Gesicht. Brautpaare schauen sich heutzutage nach freien Traurednern um, gibt es eigentlich auch eine Plattform, um Hochzeitspastoren zu buchen, die abends vielleicht auch nochmal bei der Feier reingucken und aufs Brautpaar anstoßen? Weihnachten, Hochzeiten, Messdienerzeltlager, Erstkommunionen und auch Gräbersegnungen – ich fänd das alles ohne Kirche ziemlich doof.

An diesem Sonntag brauchten wir länger auf dem Weg nach Hause von der Gräbersegnung, haben viel geschnackt, auch über Opa und irgendwie war er immer mittendrin.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Der 60-Jährige verkörpert das Vechtaer Original "Straßenfeger" im Karneval.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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