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Wenn Blauäugige zur Minderheit werden

Im Kulturbahnhof in Neuenkirchen ging es um Diskriminierung und Rassismus. Referent Jürgen Schlicher zeigte seinem Publikum, wie es den Anfängen wehren kann.

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Jeden Menschen als Menschen anerkennen: Nicole Karadag, Jürgen Schlicher (Mitte) und Martin Wiewerich sagen Diskriminierung und Rassismus den Kampf an.   Foto: Röttgers

Jeden Menschen als Menschen anerkennen: Nicole Karadag, Jürgen Schlicher (Mitte) und Martin Wiewerich sagen Diskriminierung und Rassismus den Kampf an.   Foto: Röttgers

"Was sehen Sie, wenn Sie mich ansehen?", möchte Jürgen Schlicher vom Publikum im Kulturbahnhof wissen. "Europäer, Brillenträger, Weißer, Anzugträger und knapp über dem besten Alter", lauten die Antworten.

Schon sind die Gäste, unter ihnen viele Pädagogen, Erzieherinnen und Leiter sozialer Einrichtungen, mitten im Experiment des Anti-Rassismus-Trainers, der mit dieser Übung aufzeigen möchte, dass die Menschen nicht auf den "ersten Blick" urteilen sollten.

Schlicher, bekannt durch seine Dokumentationen beim Fernsehsender ZDF neo, befasst sich auch an diesem Abend im Neuenkirchener Kulturbahnhof im Rahmen eines Vortrags und einen Tag später bei einem Workshop mit Diskriminierungsstrukturen.

Redner habe schon als Kind "Teil seiner Identität" aufgeben müssen

Der Redner arbeitet seit 15 Jahren im Trainingsbereich zu Diversity-Management, Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung. In seinem Vortrag "Der Rassist in uns – Wie man Blauäugige zur Minderheit macht" geht er auf die "Anatomie von Diskriminierungen" ein.

Schon als Kind habe er einen "Teil seiner Identität" aufgeben sollen, da er als "Linkshänder" umerzogen werden sollte, was seine Mutter jedoch kategorisch abgelehnt habe.

"Dunkle Haut und braune Augen gehörten also zu den ersten Menschen einfach dazu."Jürgen Schlicher, Referent

Um Ablehnung geht es auch bei seiner Frage, warum Menschen mit blauen Augen das Denken schwerfalle. "Ganz einfach: Der Mensch entwickelte sich einst in Afrika, und da ist es oft ziemlich heiß. Dunkle Haut und braune Augen gehörten also zu den ersten Menschen einfach dazu, da Melanin den Körper vor der negativen Wirkung intensiver Sonneneinstrahlung schützt", erläutert er die These.

"Blauäugige haben dieses Pigment irgendwann eingebüßt. Deswegen sind ihre Augen schließlich hell, und deswegen dringt das Sonnenlicht ungehindert in ihr Gehirn ein, wo es Neuronen zerstört, und deshalb sind Blauäugige nicht die hellsten Kerzen am Baum", lässt Schlicher für wenige Momente sein Publikum in Ungewissheit.

"Natürlich ist das kompletter Blödsinn. Das klingt unfassbar, wer glaubt bitte so einen Humbug und Mist?", fragt Schlicher seine Zuhörer. "Wie sieht es mit der Glaubwürdigkeit von Vorurteilen aus, die sich an anderen zufälligen Merkmalen eines Menschen festmachen? Der Hautfarbe etwa, der sexuellen Orientierung, dem Geschlecht und der Herkunft?", will Schlicher wissen.

"Dinge zu verstehen, ist jedoch nur eine Sache."Jürgen Schlicher, Referent

Die Begründungen, die dafür durch die Gegend schwirrten, seien oft ebenso aberwitzig wie die Geschichte von der Hirnschmelze. Und doch "schlüpfen diese Geschichten den Menschen ins Denken".

Das zu verstehen, darum geht es in seinem Vortrag und Workshop, die Schlicher in Zusammenarbeit mit dem Kulturbahnhof und der Gemeinde Neuenkirchen-Vörden veranstaltet. "Dinge zu verstehen, ist jedoch nur eine Sache. Die andere ist es, dass sich etwas auch richtig oder falsch anfühlt."

Jürgen Schlicher teilt die Teilnehmer in 2 Gruppen auf: die Braun- und die Blauäugigen. Den einen gegenüber verhält er sich zuvorkommend, er lobt sie, baut sie auf und hämmert ihnen ein, warum sie besser sind als die anderen. Besser als die Blauäugigen, zu denen der im schwarzen Anzug gekleidete Referent schmerzhaft überzeugend fies und herablassend ist.

Elliot-Methode hält Einzug in Kulturbahnhof

Die Blauäugigen werden erst separiert, tragen als Zeichen ihrer Minderwertigkeit einen blauen Kragen und werden schließlich systematisch gedemütigt.

Diese Methode basiert auf einem etablierten Anti-Rassismus-Training, das die US-Grundschullehrerin Jane Elliott bereits 1968 nach der Ermordung von Martin Luther King entwickelte – und löst arge Beklemmungen aus. Das Begreifen setzt ein: So funktioniert Diskriminierung und so wirkt schließlich Rassismus.

"Wir sorgen nämlich dafür, dass Leute scheitern."Jürgen Schlicher, Referent

"Wie kommt man daraus?", fragt Schlicher in seinem Mitmach-Vortrag, dass man sich mit den eigenen Vorurteilen auseinandersetze, um das gute Potenzial bei anderen Menschen überhaupt entdecken und wahrnehmen zu können.

"Wir sorgen nämlich dafür, dass Leute scheitern", erklärt Schlicher die 4 "Stellschrauben der Diskriminierung": Ideologie, Institutionen, Internalisierung und Interaktion. Eine Botschaft müsse in die Köpfe: "Wissen ist der 1. Schritt zur Veränderung." Netzwerkgruppen und Ansprechstellen zu schaffen, sei ein weiterer Schritt.

Die Gemeinde Neuenkirchen-Vörden lobt Schlicher, weil sie mit ihrem Integrationsteam versuche, Stück für Stück die "Vorurteile aus den Köpfen" herauszubekommen und andere als das wahrzunehmen, was sie sind: als Menschen.

"Wir möchten daran erinnern, dass Rassismus und Diskriminierung leider keine Randprobleme in unserer Gesellschaft sind."Martin Wiewerich, Amtsleiter

In der "Zuwanderungsgemeinde" Neuenkirchen-Vörden haben Bürger aus aktuell 56 Nationen ihre neue Heimat gefunden, erklärt dazu Nicole Karadag, Vorsitzende des Sozialausschusses der Gemeinde. Anfang September 2021 lebten 9056 Einwohner in der Gemeinde, davon rund 1400 Ausländer.

Martin Wiewerich, Leiter des Amtes für Familie, Soziales, Integration und Teilhabe, betont: "Wir möchten daran erinnern, dass Rassismus und Diskriminierung leider keine Randprobleme in unserer Gesellschaft sind."

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